Das Taxi im Tausch gegen ein Hörgerät

Menschen mit einer Behinderung haben es in Bolivien nicht leicht. Die Organisation EIFODEC engagiert sich in der schulischen und beruflichen Integration von Kindern und Jugendlichen mit einer Behinderung. Der folgende Erlebnisbericht von Stefan Keller, im Einsatz bei EIFODEC, gibt einen Eindruck der aktuellen Situation.

Stefan Keller, INTERTEAM-Fachperson in Cochabamba

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Limbert (vorne links) bei einer Handarbeit in der Schule.

In Sacaba steige ich zusammen mit Ilda in ein Sammeltaxi nach Tacopoca, dem Wohnort von Limbert. Ilda ist die Psychologin, die den Knaben seit drei Monaten zu Hause betreut. Limbert besucht in Sacaba die öffentliche Schule. Er ist einer von 36 Schülern der 3. Klasse, ein aufgestellter und fröhlicher Junge von zwölf Jahren. Und es gefällt ihm in der Schule. Limbert ist seit seiner Geburt hörbehindert; seine beiden Ohren sind nur teilweise ausgebildet. Es fehlen die Öffnungen zum Innenohr, was ihm die Kommunikation mit seinen Mitmenschen erschwert, aber nicht verunmöglicht.

Damit verbale Kommunikation stattfinden kann ist es nötig, mit ihm auf einer Distanz von wenigen Zentimetern und mit lauter Stimme zu sprechen. Das heisst, dies war bis vor kurzem so! Denn seit einer Woche trägt Limbert ein Hörgerät. Das war seinem Vater so wichtig, dass er für seinen Sohn nicht nur sein Taxi verkaufte, sondern damit gleich auch seine bisherige Arbeit aufgegeben hat. Jetzt arbeitet er als Maurer, die sehr gefragt sind. Aber die Arbeit ist streng, der Lohn tief.

Die Anschaffung des Hörgerätes hat Limberts Vater rund 1000 Dollar gekostet. Die musste er selbst aufbringen. Der Staat kam ihm nur insofern entgegen, als er die Importsteuer für dieses Gerät erliess. Ohne diese kulante Geste hätte der Vater den doppelten Preis bezahlen müssen. Trotzdem, man muss nicht lange rechnen: Bei einem durchschnittlichen Monatslohn von rund 200 Franken und ohne den Verkauf seines Taxis wäre die Anschaffung unmöglich gewesen.

Sieben Mal sitzen geblieben
Maria Ines Triveñio Mejia, die Lehrerin von Limbert, ist seit 28 Jahren in ihrem Beruf tätig, immer auf der gleichen Stufe und in der Regel mit mehr als 35 Schülern gleichzeitig beschäftigt. Limbert ist nicht der erste Schüler von Maria, der eine Hörbehinderung hat. Sie erinnert sich, dass vor ein paar Jahren ein taubstummer Schüler ihre Klasse besuchte. Bis er 14 Jahre alt war und damit die obligatorische Schulzeit erfüllt hatte, kam er nicht über die 2. Primarklasse hinaus. Für Menschen mit einem totalen Hör- und Sprachverlust ist es schwer, am Ende des Schuljahres eine Klasse weiter zu kommen. Ihre Schullaufbahn hört dort auf, wo sie rund acht Jahre zuvor begonnen hat. Die persönliche Entwicklung und Reife dieser Kinder schreitet voran, aber die Lehrperson, das Inventar und der Schulstoff bleibt immer der gleiche. So geht es vielen Schülern mit einer Behinderung in Bolivien. Nur in seltenen Fällen sind die Eltern bereit oder verfügen über die Möglichkeit, sich für ihr Kind – wie im Falle von Limbert – einzusetzen.

Viele Kinder, keine Weiterbildung
Die Gründe der mangelnden Integration und Förderung sind vielfältig. Schulklassen mit über 40 Schülerinnen und Schüler sind in Bolivien, besonders in abgelegenen Gebieten, keine Seltenheit. Vielen Eltern von Kindern mit einer Behinderung fehlen die finanziellen Mittel, sie in speziellen Zentren schulen zu lassen. Oft auch wird gar nicht erkannt, dass Kinder eine Behinderung haben, entsprechend werden sie nicht  abgeklärt und können auch nicht ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert werden.

Hinzu kommt die Situation im Bildungsbereich. Maria hätte eine bessere Grundausbildung begrüsst und wäre auch froh über Weiterbildungsangebote. Es gibt bis heute für Lehrpersonen kaum ein Angebot an Weiterbildungskursen, und auch Anlaufstellen für Fragen betreffend Schüler mit einer Behinderung fehlen häufig. Der Wunsch nach Unterstützung spürt man bei Maria gut.

Umso wichtiger sind Institutionen wie EIFODEC, die sich für die schulische und berufliche Integration von Kinder und Jugendlichen engagieren.

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