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Wie kleine Löwen für ihre Rechte kämpfen

Ein Leben ohne Gewalt, dies hat sich Wiñay Pacha gross auf die Fahne geschrieben. Die bolivianische Nichtregierungsorganisation wurde 2002 von der ehemaligen INTERTEAM-Fachperson Harold Albornoz in Sacaba (Cochabamba) mitgegründet. Seither arbeitet sie zusammen mit Kindern und Jugendlichen an Konzepten für gewaltfreie Lebensformen. Eines ihrer erfolgreichsten Projekte sind die Kinderrechtsgruppen. An einer Schule in den Bergen von Cochabamba habe ich eine Gruppe besucht und von der 10-jährigen Noelia erfahren, wie sich die Kinder vor Gewalt schützen wollen.

Es ist nicht weit von Sacaba bis zum Dorf Ucuchi, das etwas versteckt in den Bergen liegt. In der dortigen Schule treffe ich die zehnjährige Noelia, die gerade die Blätter für eine dünne Broschüre zur Vorbeugung sexueller Gewalt zusammenlegt. „Für Väter, Mütter, Lehrerinnen und Lehrer“, steht gross auf dem Deckblatt. Doch Noelia steckt ihre Nase trotzdem in das Dokument.

 

 

Die Fünftklässlerin ist Mitglied einer Kinderrechtsgruppe, die sich den Namen „Die Löwen von Ucuchi“ gegeben hat. Noelia ist in der Tieflandmetropole Santa Cruz geboren, erzählt sie. Die Eltern stammen aus Ucuchi und seit der Vater seine Arbeit bei der staatlichen Telefongesellschaft in Santa Cruz verloren hat, lebt die Familie wieder in ihrer Heimatgemeinde im zentralen Bergland von Cochabamba.

 

 

Eine „Ecke des guten Lebens“ für die Löwen

Es ist die erste Schulwoche nach den Ferien und das erste Treffen der „Löwen“ in diesem Jahr.

Die Kinderrechtsgruppen werden von der Nichtregierungsorganisation Wiñay Pacha organisiert. Hier lernen die Kinder und Jugendlichen auf unterhaltsame Weise ihre Rechte kennen; insbesondere, was sie gegen diverse Formen von Gewalt tun können. Die Schule stellt der Organisation für die Aktivitäten dauerhaft einen Klassenraum zur Verfügung, die „Ecke des guten Lebens“. Neben Sozialarbeiterinnen von Wiñay Pacha wird der Raum aber auch von Lehrpersonen selber genutzt, die sich wie heute mit den Kindern in die Ecke des guten Lebens zurückziehen. Im Fokus stehen keine üblichen Lehrplanthemen, sondern vorbeugende, spielerische Aktivitäten zur Gewaltprävention.

 

 

«Wir erklären den Leuten, dass sie die Kinder nicht misshandeln dürfen.»

 

„Wir spielen und lernen hier, zeichnen, machen Collagen und erzählen dann anderen davon. Wir erklären den Leuten unsere Pflichten und unsere Rechte. Das Recht, gut zu leben. Dass sie die Kinder nicht misshandeln dürfen, das Recht in einer gesunden Umgebung aufzuwachsen, schlau zu sein und jeden Tag in die Schule zu gehen“, erklärt mir Noelia voller Stolz. Für die Kinder von Ucuchi ist das ein Recht. Sie würden lieber in die Schule gehen, als Ferien zu haben, sagen sie. Ferien seien langweilig. Dann müssten sie nämlich ihren Eltern mehr bei der Arbeit helfen, erklärt die Lehrerin. „Den Eltern zu helfen“, meint Noelia, gehöre ebenso wie die Hausaufgaben zu den Pflichten von Kindern. Ein kleiner Junge, der sich nur als der „Tiger“ vorstellt, meint, er habe in den Ferien Ziegelsteine geschleppt und sich damit neue Schuhe gekauft.

 

 

Spontaner Besuch bei Noelias Schweinen, Enten und Hasen

Als ich die Kinder besuchen komme, zögert die Lehrerin keinen Augenblick, unterbricht den Unterricht und wir machen alle einen gemeinsamen spontanen Hausbesuch bei Noelia. Ausserhalb des Klassenraumes gibt es eine Menge zu entdecken und zu lernen. Bei Noelia zuhause gibt es Schweine, Enten, Hasen und einen Papagei. Die Kinder entdecken Hühnernester, steigen auf Bäume, schaukeln auf Ästen, spielen auf dem Feld Fangen oder rätseln, um welches Tier es sich bei dem Skelett im Obstgarten handeln könnte. Smartphones sind hier keine zu sehen. Viele der früheren Schülerinnen und Schüler studierten heute an der Universität, meint die Lehrerin stolz.

 

 

Noelia lebt zu Hause noch mit einer jüngeren und einer älteren Schwester. Sie hätten ein gutes, respektvolles Verhältnis, meint sie schmunzelnd. „Das Schönste in Ucuchi sei“, erklärt Noelia, „mit der Familie zusammen sein zu können. Wir respektieren uns auch untereinander und den Alten helfen wir.“

Irgendwann legt dann auch Noelia das Informationsheft über sexuelle Gewalt beiseite, um mit den übrigen Kindern herumzutoben. Für Noelia sind diese Infos wertvoll, da sie Hinweise liefern, wie man Fälle von Gewalt erkennen und an wen man sich im Zweifel wenden kann. Noelia ist für diese Art von Aufklärung dankbar; denn auch wenn sie selber nicht von Gewalt betroffen ist, möchte sie ihr neues Wissen weitergeben und so der Gewalt in ihrem Umfeld vorbeugen.

 

Interview geführt von Peter Strack, Landesprogrammleiter INTERTEAM in Bolivien

Fotos: Silke Kirchhoff


 

Bildergalerie: Besuch in Ucuchi

Zur Partnerorganisation Wiñay Pacha («Zeit zu wachsen»)

Was leistet Wiñay Pacha?

  • Entwicklung und Einführung von Präventions- und Betreuungsprogrammen für einen wirksamen Schutz vor (sexueller) Gewalt und Missbrauch.

 

Wer profitiert von Wiñay Pacha?

  • Kinder und Jugendliche in randständischen und ländlichen Gebieten im Grossraum Cochabamba.

 

INTERTEAM unterstützt die Organisation finanziell und mit spezialisierten Fachleuten im Rahmen des Projekts "Besserer Schutz vor Gewalt für Kinder und Jugendliche". Im Mittelpunkt steht die Weiterentwicklung und Vermittlung praxiserprobter Methoden an staatliche und private Einrichtungen in unterschiedlichen Landesteilen Boliviens. U.a. sollen die guten Erfahrungen in Ucuchi jetzt auch auf weitere Gemeinden rund um Cochabamba übertragen werden.

Gewaltsamer Spitzenreiter Bolivien – ein paar traurige Zahlen

  • Laut der panamerikanischen Gesundheitsorganisation war 2013 mehr als jede zweite Frau bereits einmal Opfer häuslicher Gewalt.
  • Heute hat sich die Situation kaum verbessert in Bolivien.
  • Rund 70% aller Kinder Boliviens erleben laut UNICEF Misshandlungen in der Schule.
  • Trotz neuer Gesetze funktioniert die bolivianische Justiz schlecht. Die Folgen: Rund 80% der Opfer vertrauen nicht auf staatliche Unterstützung.

Quelle: Pan American Health Organization

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