Infante – Eine bolivianische Erfolgsgeschichte | INTERTEAM

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INFANTE ist jene Nichtregierungsorganisation (NRO) in Cochabamba Bolivien, die am längsten von INTERTEAM unterstützt wird. Im Gespräch mit Landesprogrammleiter Peter Strack blickt Miguel Gonzales, Direktor von INFANTE, auf die Zusammenarbeit der letzten Jahre zurück. Er erklärt den Strategiewechsel, der auch die Lobbyarbeit zur Verbesserung der Sozialpolitik beinhaltet und eine nachhaltige Unterstützung von Frauen und Kindern, die Opfer von Gewalt werden, sicherstellen soll.

 

Miguel Gonzales Gallegos während dem Interview in einem Therapieraum von INFANTE.

Peter Strack: Miguel, kannst du in wenigen Worten zusammenfassen, wie sich die Unterstützung von INTERTEAM über die Jahre verändert hat?

 

Miguel Gonzales: INTERTEAM unterstützt INFANTE seit ungefähr 15 Jahren. Damals stand die direkte Betreuung von Frauen, die Opfer von Gewalt geworden waren, im Zentrum der Arbeit. Lange Zeit arbeiteten Fachleute von INTERTEAM im Frauenhaus, später in der Entwicklung eines Modells der Tätertherapie; seit zwei Jahren erfolgt durch INTERTEAM auch die Finanzierung eines Projektes zum Transfer der bei INFANTE entwickelten Methoden an andere Institutionen.

 

Wie sah zu Beginn die erwähnte Betreuung von Frauen durch INTERTEAM konkret aus?

 

Im Frauenhaus bekamen die Opfer ein Obdach, Verpflegung und therapeutische Betreuung. Damals gab es die Notwendigkeit, die therapeutischen Angebote zu verbessern. Die INTERTEAM-Fachleute waren dabei direkt in das Betreuungsteam von INFANTE integriert. Dieses stärkten die Fachleute respektvoll mit spezifischem Wissen, statt von aussen Lösungen zu bringen; eine wertvolle Erfahrung für INFANTE. 

 

Welches spezifische Wissen konnten die Fachpersonen denn einbringen?

 

Neben dem verbesserten Verständnis der Gewaltdynamik haben sie u.a. zur Einführung der Methode der therapeutischen Selbsthilfegruppen beigetragen. Ebenso hinsichtlich individueller Therapieangebote für Kinder der Frauen. All das wurde gemeinsam mit dem Team von INFANTE und im Fall der Tätertherapie auch gemeinsam mit dem Personal städtischer Einrichtungen im Rahmen der praktischen Betreuungsarbeit entwickelt.

 

Und wie sieht die Unterstützung heute aus?

 

Während früher die Fachleute in die direkte Betreuungsarbeit und Methodenentwicklung integriert waren, unterstützt INTERTEAM heute mit einem Projekt die neue strategische Ausrichtung von INFANTE; in anderen, ähnlichen Einrichtungen im Land sollen ebenso die nötigen fachlichen Kapazitäten geschaffen werden. 

 

Zeigt die Strategie schon Wirkung?

 

Die Tätertherapie ist bspw. in der Fachöffentlichkeit inzwischen akzeptiert und in Cochabamba gibt es hierzu auch bereits therapeutische Angebote. Auch weitere von INFANTE entwickelte Methoden werden jetzt von staatlichen oder privaten Einrichtungen in anderen Städten eingesetzt. In Tarija im Süden Bolivien zum Beispiel werden die Gewaltopfer im städtischen Frauenhaus nicht mehr nur untergebracht, sondern bekommen künstlerische und körperbezogene Therapieangebote; diese wurden von INFANTE entwickelt und helfen den Frauen, den Gewaltzyklus zu durchbrechen. Auch die Methode der Selbsthilfegruppen wird jetzt dort angewendet. Ähnliche Transferprozesse wurden mit Caritas in der Bergwerksstadt Potosí oder mit städtischen Einrichtungen in Trinidad im bolivianischen Tiefland gestartet.

 

Doch das erste Frauenhaus, welches von INFANTE errichtet wurde und das Haus für jugendliche Opfer sexueller Gewalt gibt es so heute nicht mehr...

 

Früher bekamen die Gewaltopfer im Frauenhaus eine umfassende Betreuung. Heute übernehmen staatliche Einrichtungen zunehmend diese Verantwortung. Wir haben uns deshalb auf die Therapieangebote spezialisiert. Die Rechtsberatung bekommen die Frauen von den städtischen Betreuungszentren (SLIM) oder spezialisierten NRO, eine Gesundheitsversorgung bei Pro Salud, und häufig sind sie im Schutzzentrum „Esperanza“ der Regionalregierung untergebracht. Mit der Organisation Fe y Alegría haben wir gerade ein Kooperationsabkommen unterschrieben, damit die Frauen dort eine berufspraktische Ausbildung erhalten.

 

Somit ist INFANTE heute mehr am Netzwerken, Wissen vermitteln und Koordinieren?

 

Wichtig ist, die unterschiedlichen Organisationen zu stärken, zu verbinden und ihre Stärken auch zu nutzen. Bspw. sind gewisse Ausbildungsangebote von Fe y Alegría viel breiter und besser auf den Bedarf angepasst, als wir es früher ermöglichen konnten. Aber auch die Strategie der Dezentralisierung und Koordination von Dienstleistungen übertragen wir jetzt auf andere Städte. Denn durch Spezialisierung und Arbeitsteilung werden Kosten reduziert und wird die Betreuungsqualität besser.

 

 

«Der Staat bezahlt NRO nicht für ihre Dienstleistungen, so wie ich es in der Schweiz gesehen habe. Er finanziert nur staatliche Einrichtungen. Und deren Angebote sind immer noch unzureichend.»

 

 

INFANTE hat sich auf Therapien spezialisiert. Aber laut Gesetz ist das auch eine Aufgabe der SLIM, der städtischen integralen Betreuungsdienste. Bezahlen sie wenigstens etwas für die Therapieangebote von INFANTE?

 

Nein, dafür sind wir immer noch auf internationale Unterstützung der Kindernothilfe angewiesen. Hinzu kommt, dass die städtischen Kinderrechtsbüros und SLIM zwar vergleichsweise gut die juristischen Aspekte bearbeiten. Aber die Psychologin dort ist vor allem mit Gutachten für die Prozesse beschäftigt. Die Therapie kommt dabei zu kurz.

 

Trotzdem ist die Straflosigkeit weiter hoch...

 

Dies ist vor allem ein Problem des Justizapparates. Es fehlen Richter und es fehlt an spezifischen Kenntnissen.

 

Die finanzielle Situation der NRO in Bolivien wird wegen des Rückgangs der internationalen Finanzierung und einer eher kritischen Haltung der Regierung zunehmend schwieriger. Wie ist die Situation von INFANTE?

 

Der Staat bezahlt NRO nicht für ihre Dienstleistungen, so wie ich es in der Schweiz gesehen habe. Er finanziert nur staatliche Einrichtungen. Und deren Angebote sind immer noch unzureichend. Aber immerhin 40% unserer Ausgaben in diesem Jahr sind nicht mehr extern finanziert. Wir haben inzwischen stabile Einnahmen durch den Verkauf von Dienstleistungen über einen Catering-Dienst, Honorare für Studien oder Fortbildungen an Universitäten, durch die Produktion von Medien in unserem Tonstudio und vor allem durch die eigene Montessori-Schule.

 

Aber die Montessori-Schule bringt nicht nur den Grossteil der Einnahmen, sondern bedeutet auch den Grossteil der Ausgaben.

 

Die Schule erwirtschaftet bereits Gewinne, die wir vor allem noch in die Verbesserung der Infrastruktur reinvestieren. Aus den Gewinnen werden immerhin schon zwei Personen finanziert; diese therapieren Kinder, die Opfer von Gewalt geworden sind und deren Familien, welche eine solche Therapie nicht bezahlen können. Und das soll noch ausgebaut werden.

 

Wird INFANTE künftig auf fremde Zuschüsse verzichten können?

 

Wir müssen ein Gleichgewicht finden zwischen Eigenfinanzierung und externer Finanzierung. Das verhindert, dass wir zu einer kommerziellen Einrichtung werden. Wir wollen weiterhin die Ärmsten unterstützen, die sich unsere Dienstleistungen nicht leisten können. 

 

Die Schweizer Regierung diskutiert zur Zeit einen Rückzug der Entwicklungshilfe aus Südamerika. Bolivien könne als ein Land mittleren Einkommens die Herausforderungen alleine stemmen.

 

Vielleicht zwingt das wenigstens unsere Regierung, die Prioritäten neu zu setzen. Geld war im Land vorhanden. Die Erdgaseinnahmen der letzten Jahre waren, wie es heisst, so hoch oder höher wie die Einnahmen aus der Silberproduktion in der gesamten Kolonialzeit. Aber zu viel davon wird für Propaganda oder Bonuszahlungen, und zu wenig für soziale Dienste wie die Kinderrechtsbüros oder SLIM ausgegeben. Der Druck auf die Regierung für eine soziale Kehrtwende wird bei einer Streichung der Entwicklungshilfe steigen. Allerdings wird der Staat die Gewaltproblematik nicht alleine lösen können. In dem Transferprojekt ist es uns gelungen, staatlichen Stellen in der Praxis zu demonstrieren, dass unsere Methoden funktionieren. Nun interessiert sich der Staat dafür, was gut ist. Aber um gemeinsam zu handeln, muss die Regierung stabile Brücken zu den zivilgesellschaftlichen Organisationen entwickeln. Beide Seiten müssen sich ergänzen.

 

 

Spitzenreiter Bolivien – einige traurige Zahlen

  • Laut der panamerikanischen Gesundheitsorganisation war 2013 mehr als jede zweite Frau bereits einmal Opfer häuslicher Gewalt.
  • Heute hat sich die Situation kaum verbessert in Bolivien.
  • Rund 70% aller Kinder Boliviens erleben laut UNICEF Misshandlungen in der Schule.
  • Trotz neuer Gesetze funktioniert die bolivianische Justiz schlecht. Die Folgen: Rund 80% der Opfer vertrauen nicht auf staatliche Unterstützung.

Quelle: Pan American Health Organization

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