Simona Böckler berichtet über die INTERTEAM-Partnerorganisation INFANTE

NEWSLETTER
Jetzt abonnieren
und profitieren.
  • Infos zu offenen Einsätzen
  • Wissenswertes über Interteam
  • hilfreiche Tipps
  • 3 bis 4 mal jährlich
JETZT ANMELDEN

Wo der Staat hinterherhinkt und die Gewalt überhandnimmt

Seit 31 Jahren setzt sich die Nichtregierungsorganisation INFANTE in Cochabamba und Umgebung für die Rechte von Frauen, Kinder und Jugendlichen ein. Mit viel Fingerspitzengefühl und Durchhaltevermögen versucht das Team von INFANTE bessere Bedingungen im familiären und gesellschaftlichen Leben Boliviens zu schaffen und die Einhaltung der Menschenrechte durchzusetzen – ein oft aussichtslos wirkendes Unterfangen.

Von Simona Böckler

 

Mit seinem kleinen Hund an der Leine, seiner Brille, dem rot gestreiften Pullover und seinen weissen Turnschuhen wirkt der Mann eher unauffällig, als er auf einem lebhaften Spielplatz wahllos Kinder anspricht. Nach einer kurzen Unterhaltung reicht ihm eines der Mädchen die Hand und beide verlassen den Ort.

 

Die Szenerie wirkt wie eine normale Alltagssituation Boliviens, wäre sie nicht mit einer Handkamera aus sicherer Distanz gefilmt worden, leicht verwackelt. Und wäre sie real, hätte Bolivien ein weiteres Entführungsopfer zu beklagen.

 

Glücklicherweise handelt es sich im Video um den Schauspieler José Olaiz, welcher nach vorheriger Absprache mit den Eltern eindrücklich demonstriert, wie einfach es in Bolivien ist, Kinder von der Strasse zu entführen. Trotzdem hat der Film die Kinder einer Schulklasse in seinen Bann gezogen und grosses Staunen ausgelöst. «Dieses soziale Experiment zeigt, wie viele Eltern sich bspw. durch ihre Handys ablenken lassen und nicht einmal mitbekommen, wenn das eigene Kind verschwindet. Durch solche Aktivitäten werden jetzt nicht nur die Kinder, sondern auch deren Eltern auf die Problematik aufmerksam», erklärt die ausgebildete Pädagogin Rudth Andia Flores. Sie ist ehrenamtliche Facilitadora (pädagogische Vermittlerin) bei INFANTE und betreut einmal wöchentlich die Präventionsaktivität der Kinderkomitees verschiedener Schulen, ein Projekt, welches INFANTE 2013 ins Leben gerufen hat.

 

«Die Präventionsarbeit ist grundsätzlich an Kinder zwischen 9 und 14 Jahren gerichtet. Anfangs waren die Komitees ein Freizeitangebot, was abends oder am Wochenende stattfand. Die Lehrer haben aber irgendwann die Relevanz unserer Arbeit verstanden und die Aktivität als ein neues Fach, sowas wie «Menschenrechte», fest in den Unterricht integriert», erklärt Rudth stolz.

 

In den Komitees behandeln Facilitadoras wie Rudth Andia Flores mit den Schülerinnen und Schülern jede Form von Gewalt, von sexueller und familiärer Gewalt, über digitale Gewalt, bis hin zu allgemeinen Gefahren in den sozialen Netzwerken oder auch das Thema Mobbing.

 

Unterdessen existieren 13 «Comités por la Autodefensa de los Derechos de Niñas, Niños y Adolescentes» (Kinder- und Jugendkomitees zur Verteidigung der eigenen Rechte) in Schulen von fünf Munizipien. Dabei üben die Kinder in den Komitees, ihre Rechte Wirklichkeit werden zu lassen. Sie beugen unterschiedlichen sozialen Problemen vor und leben Engagement und Solidarität. Ziel ist die Eingrenzung von Misshandlung und Gewalt in den Gemeinden.

 

Ersatz für fehlende staatliche Strukturen

Ein kurzer Rundgang macht deutlich, wie sich das Bild der Vorortsgemeinden Boliviens über die Jahre verändert hat. Miguel Gonzales Gallegos, Direktor von INFANTE, bestätigt, dass die Stadtränder zum sozialen Brennpunkt geworden sind, wo Armut, Alkohol und Gewalt an der Tagesordnung sind.

 

«Wir wollen Frauen, Kinder und Jugendliche zu einem selbstbestimmten Handeln motivieren,

damit sie ihre Rechte wahrnehmen und den sozialen Wandel selbst einleiten können.»

Miguel Gonzales

 

Die Landflucht aus den umliegenden Gebieten vergrössern und verjüngen die Städte schneller als dass staatliche Institutionen aufgebaut werden können; es fehlen Institutionen zur Verteidigung der Menschenrechte. Daher sei es hier strategisch besonders wichtig, mit Kinderkomitees zu arbeiten: «Seit einigen Jahren konzentrieren wir die Präventionsarbeit auf städtische Randgebiete in Cochabamba. Neben der Innenstadt Cochabambas arbeiten wir aktuell vor allem in Vinto, Quillacollo, Colcapirhua und Tiquipaya», erläutert Miguel.

 

Kinderkomitees als ein Ansatz

Da die sozialen Probleme in Bolivien so vielschichtig sind, braucht es vielfältige Lösungsansätze, um den unterschiedlichen Schicksalen und Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden. Deshalb arbeitet INFANTE nicht nur präventiv mit Kinderkomitees, sondern begleitet auch Frauen und Mädchen, die bereits Opfer häuslicher oder sexueller Gewalt wurden, sowie Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten.

 

INFANTE verfolgt stets einen ganzheitlichen Ansatz und unterstützt die Zielgruppen mit psychotherapeutischen Massnahmen, Körperarbeit, Sonderpädagogik und partizipativer Präventionsarbeit.

 

Grössere Wirkung dank Multiplikatoreneffekt

Abschliessend betont Rudth Andia Flores nochmals, was die Arbeit mit den Kinderkomitees in den Schulen so unverzichtbar und wirkungsvoll macht: «Durch die Arbeit in den Komitees erreichen wir viel mehr Menschen als die 30 Schüler/-innen in der Klasse. Das ist auch der Sinn unserer Arbeit. Denn sie können ihr Wissen an jüngere Geschwister, Freunde, Eltern, Nachbarn weitergeben und dadurch Schlimmes verhindern.»

 

 

Wie unterstützt INTERTEAM die Partnerorganisation INFANTE

Wenn die eigentliche Zielgruppe ihr neu erlangtes Wissen mit weiteren Personen teilt, spricht man im Fachjargon von Mulitplikatoreneffekt. Dieser Grundsatz verfolgt INTERTEAM auch mit den Einsätzen von Schweizer Fachleuten. Diese bilden beispielsweise Mitarbeitende von INFANTE in ihrem Fachbereich weiter, damit diese die Leistung zugunsten der Zielgruppe verbessern können. Die geschulten Mitarbeitenden teilen ihr Wissen wiederum mit ihren Arbeitskolleginnen und -kollegen oder – wie im Falle von INFANTE – mithilfe eines Methodentransfers mit Mitarbeitenden weiterer lokaler Organisationen. Die Erfahrung, die Ruth Andia Flores in den Kinderkomitees macht, ist also ein Vorzeigebeispiel für die Verwirklichung des INTERTEAM-Mottos «Wissen teilen, Armut lindern».

Fotos von Rudth Flores

links