Simona Böckler berichtet über die INTERTEAM-Partnerorganisation ENDA

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„Ab heute gehe ich meinen Träumen nach“

Jedes Jahr nutzen ca. 1500 Kinder und Jugendliche und 900 Familien das Angebot von ENDA. Die Nichtregierungsorganisation in El Alto unterstützt seit 1988 Kinder und Jugendliche, die Opfer von Gewalt geworden sind, Drogenmissbrauch oder andere Verhaltensauffälligkeiten nachweisen. Eines der Erfolgsprojekte von ENDA ist das „Centro de Atención Integral Minka“ (Zentrum „Minka“), ein Schutzzentrum für 12 Mädchen zwischen 6 und 18 Jahren, die Opfer von Gewalt geworden sind. Ein wichtiges Element des Angebots für die Mädchen ist die Körperarbeit; hier arbeitet Minka mit einem speziellen Handbuch von INTERTEAM.

 

Von Simona Böckler

 

 

Ziel der Organisation ist es, die soziale Gefährdung in El Alto durch Betreuungsmassnahmen, Bildung, Prävention und politische Einflussnahme zu reduzieren. Mit der Präventionsarbeit werden auch Kinder und Jugendliche aus den Schulen der Viertel von El Alto betreut. Denn in dieser Gegend sind die Jüngeren stark gefährdet, Opfer oder Täter zu werden. Gewalt, Schulabbrüche, Drogenmissbrauch und Banden sind hier an der Tagesordnung.

 

Das Team von ENDA arbeitet mit Einzel- und Gruppentherapien, bietet therapeutische Betreuung für die Familien, Hilfsgruppen für Mütter, Väter und Tutoren und Unterstützungsmassnahmen in der Bildung und Weiterbildung. Bei der Betreuung und Arbeit mit den Mädchen ist eines der wichtigsten Ziele die Wiederherstellung des Vertrauens in den eigenen Körper. Dies erlangen sie dank intensiver Körperarbeit; die Mädchen erhalten so ein effektives Werkzeug, um in Krisen die Kontrolle über ihren Körper und ihre Emotionen zu behalten oder wieder zu erlangen.

 

Traumatische Erfahrungen erfolgreich überwinden

Wie hilfreich solche Techniken sein können, weiss auch die 16-jährige Antonella (fiktiver Name), die seit acht Monaten im Zentrum wohnt. Zuvor lebte sie bei ihrem gewalttätigen Onkel, bis sie aus der Wohnung geworfen wurde. Sie hat keine anderen Angehörigen, die sie nach der Zeit in „Minka“ aufnehmen könnten. Im Interview erzählt mir Antonella von ihren Gefühlen, ihren Wünschen und warum für sie die Entspannungs- und Dehnungsübungen oder die unterschiedlichen Atmungsmethoden so wichtig sind.

 

Frage: Wie gefällt es dir hier im Zentrum „Minka“?

 

Ich fühle mich hier sehr wohl. Das Zentrum tut mir gut, ich bin viel stärker und selbstsicherer geworden, seitdem ich hier bin. Wir machen viele schöne Dinge und ich lerne viel Neues. Wir haben unterschiedliche therapeutische Einheiten, Einzeltherapie mit der Psychologin aber auch Gruppentherapie wie beispielsweise die Körperarbeit. Wir machen auch einen Computerkurs, einen Schneiderkurs und wir haben eine grosse Küche in der wird Mandelgebäck backen. Wir machen auch noch Yoga und dürfen in den Pausen Fussball im Hof spielen. Ich habe einen sehr vollen Tag.

 

Unter der Woche bin ich vormittags immer in der Ausbildungsstätte. Ich absolviere nämlich eine Ausbildung in der Gastronomie unten in La Paz. Ich profitiere sehr von dieser Möglichkeit, denn ich habe keine Familie und werde finanziell selber für mich sorgen müssen, sobald ich hier raus bin. Ich liebe das Kochen und kann es nicht erwarten, bald in einem Restaurant zu arbeiten.

 

Frage: Du hast mir erzählt, dass die Körperarbeit deine Lieblingsaktivität hier drinnen ist. Wieso?

 

Die Dehnungsübungen und das Yoga machen meinen Körper flexibler. Auch die Atmungsübungen finde ich sehr hilfreich. Die Körperarbeit hilft uns, unsere Gefühle besser wahrzunehmen und zu kontrollieren. Wenn wir negative Empfindungen haben, können wir diese durch bestimmte Übungen  in Schach halten.

 

Beispielsweise war ich an einem Tag so traurig, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu weinen. Ich habe so heftig geweint, dass ich fast keine Luft mehr bekommen habe. Es war richtig schlimm. In der Verzweiflung viel mir dann ein, dass wir eine Atemübung für genau diese Notfälle gelernt hatten. Ich habe die Methode der Wechselatmung angewendet. Und wie auf Knopfdruck war alles vorbei. Ich habe wieder Luft bekommen und habe aufgehört zu weinen. Es war wie ein Wunder! Und das Einzige, was mir an diesem schrecklichen Tag geholfen hat. Ich bin Carolina so dankbar, dass sie mir die Übung beigebracht hat.

 

Frage: Welche Rolle spielt „Minka“ für dein Leben?

 

„Minka“ hat mein Leben stark verändert, ich wäre nicht der Mensch der ich jetzt bin, wenn sie nicht gewesen wären. Sie unterstützen mich in meinem Ausbildungsvorhaben. Sie haben grosses Vertrauen in mich. Das macht mir grosse Freude. Hier haben sie mir auch viel über Kinder- und Frauenrechte, über meine eigenen Rechte beigebracht. Oft wissen wir Kinder und Jugendlichen nicht, welche unsere Rechte sind und schweigen deswegen über schlimme Dinge, die uns passiert sind. Hier drinnen habe ich gelernt, dass wenn jemand unsere Grenzen nicht respektiert, wir die Pflicht haben uns zu verteidigen. Jetzt kenne ich meine Rechte!

 

Frage: Gibt es noch irgendwas, dass du den Lerserinnen und Lesern gerne sagen würdest?

 

Ich will allen Mädchen und Frauen dort draussen Mut zusprechen. Wenn schlimme Dinge im Leben passieren, dann ist es nie umsonst. Das sind Erfahrungen, die uns für eine bestimmte Zeit im Leben zeichnen, aber das Leben geht weiter, wir dürfen uns nicht davon aufhalten lassen. Wir müssen stark sein, denn schmerzhafte Erfahrungen können überwunden werden. Es kommt irgendwann der Punkt, an dem es wichtig und richtig ist, sich zu sagen, dass man ab heute nach vorne schaut und seinen Träumen nachgeht.

Wie unterstützt INTERTEAM die Partnerorganisation ENDA

Die Nichtregierungsorganisation Environmental and Development Action (ENDA) in El Alto betreut und unterstützt gewaltbetroffene Kinder und Jugendliche therapeutisch und ist präventiv unter anderem im Netzwerk gegen sexuelle Gewalt an Kindern aktiv. INTERTEAM unterstützt ENDA sowie weitere Mitgliedsorganisationen aus dem Netzwerk gegen sexuelle Gewalt an Kindern mit dem Einsatz einer Fachperson. Diese kommt folgenden Hauptätigkeiten nach:

  • Schulung und Beratung in Methoden des Qualitätsmanagements und bei der Organisationsentwicklung
  • Entwicklung von konkreten Instrumenten (u.a. einem Handbuch) für Mitarbeitende dieser Institutionen
  • Begleitung dieser Mitarbeitenden, damit sie solche Prozesse in ihren oder künftig in anderen Organisationen selbstständig umsetzen können (nach dem Modell Training of Trainers)

Fotos von Simona Böckler und Milenka Villalobos.