Simona Böckler berichtet aus den Sozialzentren COMETA und CAMINO

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«WIR ERNTEN, WAS WIR SÄEN»

Im bolivianischen Cochabamba betreibt SEDEGES, die Sozialbehörde der Regionalregierung, die Zentren COMETA und CAMINO zur Wiedereingliederung sozial auffälliger Jugendlicher. INTERTEAM war mit Simona Böckler zu Besuch.

 

COMETA ist ein geschlossenes Zentrum für derzeit ca. 70 straffällige Jungen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Das andere Zentrum CAMINO besteht aus zwei offenen Wohnheimen für Jugendliche mit Drogenproblemen und Strassenvergangenheit. Hier sind die Bewohner/-innen zwischen 12 und 18 Jahre alt. Zurzeit wohnen 17 Mädchen im Zentrum in San Benito (CAMINO Mujeres) und 10 Jungs im Haus in Cochabamba (CAMINO Varones).

 

Ökologische Gartenarbeit als Therapieort

Die Zentren arbeiten mit einem ganzheitlichen bio-psycho-sozialen Ansatz zur Veränderung des Lebensstils der Jugendlichen und einer vollständigen Reintegration in die Familie, wo vorhanden, und zurück in die Gesellschaft. Dies beinhaltet Gruppentherapie bei Morgen- und Abendtreffen, die Übernahme alltäglicher Aufgaben (Zimmer aufräumen, Tisch decken, in der Küche helfen, Tiere füttern), therapeutische Aktivitäten (Tanzen, Malen, Diskussionsrunden), manuelle Aktivitäten (Basteln, Backen, Mechanik) und vieles mehr.

 

«Wir versuchen den Jungs die wichtigen Dinge fürs Leben beizubringen», erklärt Martin Torres Hurtado, Leiter von Cometa. «Sie benötigen zum Teil eine grundsätzliche Umorientierung. Denn viele haben ihr Zuhause verlassen, ihre Wurzeln verloren und lange auf der Strasse gelebt. Dafür nutzen wir alle Mittel, eben auch die Feldarbeit.»

Fotos von Charlotte Sidler

«Früher hatten wir nur einzelne Gärten und ganz wenige Jugendliche haben mitgeholfen. Wir befanden uns noch in der Testphase. Ab 2018 haben wir die landwirtschaftliche Aktivität als festen Bestandteil ins Programm aufgenommen», so Torres. «Jede Gruppe bekam ein Stück Land zugeteilt.»

Laut Gesetz muss den Jugendlichen eine ganzheitliche Erziehung angeboten werden. Dank den Gärten konnte diesbezüglich auch bereits viel erreicht werden, meint Torres stolz: «Die gemeinsame Feldarbeit hat bei den Jugendlichen ein tieferes Bewusstsein für die Natur geweckt. Sie konnten Fürsorge üben, Verantwortung übernehmen und Respekt gegenüber den Pflanzen, der Arbeit und ihrem Umfeld erlernen. Anderseits können die Pädagogen bei der Feldarbeit den Jugendlichen indirekt auch angewandte Mathematik und Grundlagen der Naturwissenschaften beibringen. Und nicht zuletzt lernen die Jungs hier, sich selber mit Nahrung zu versorgen. Das ist wichtig für ihr späteres Leben draussen. Im Zentrum selbst streben wir in ein paar Jahren die komplette Selbstversorgung über die Gärten an. Dafür bräuchten wir aber ein größeres Grundstück. Wir arbeiten noch dran.»

Foto links: Charlotte Sidler, Foto rechts: Simona Böckler

Die therapeutischen Effekte

Der für die Gärten im Zentrum für junge Frauen CAMINO Mujeres zuständige Sozialarbeiter Cristobal Moreno Camacho verdeutlicht den therapeutischen Mehrwert der Gartenarbeit. «Hier werden unterschiedliche therapeutische Aktivitäten zur Förderung der Selbstständigkeit und sozialen Integration der Jugendlichen angeboten. Die Gärten sind ein Teil davon. Die Feldarbeit soll den Mädchen Verantwortungsbewusstsein beibringen. Denn eine Pflanze zu pflegen, erfordert Beständigkeit. Sie lernen Verantwortung und dass Dinge zu einer bestimmten Zeit erfolgen müssen. So sind sie ausserhalb der Mauern wieder fähig, einer Arbeit nachzugehen und ihren Haushalt zu führen.»

 

Lucía (fiktiver Name), 16 Jahre alt, wohnt seit einem Jahr in CAMINO Mujeres und mag die Gartenarbeit von allen Aktivitäten des Zentrums am liebsten: «Bei den Brigaden richten wir unseren eigenen Garten her, schmücken ihn mit Steinen, malen sie schön an. Ich mag’s, dass wir dabei keine chemischen Substanzen benutzen, nur organischen Dünger. Wir müssen immer schauen, wie wir mit den Abfällen Dünger herstellen können.»

Das Schönste ist, wenn das Gemüse erntereif ist und der Sozialarbeiter mir sagt:

‹Lucía, ziehe du das Gemüse raus, du bist richtig gut darin›. Das gibt mir viel Selbstvertrauen. Dann fühle ich mich wohl. Und da ich hier so viel Zuneigung erlebe, tue ich alles was in meiner Macht steht, damit sich auch die anderen Mädels gut fühlen. Denn wir ernten, was wir säen.

 

Fotos von Simona Böckler

Gesunde Lebensmittel erfodern gesunde Böden

Bei einem Workshop zu organischem Dünger im Centro Camino Mujeres erklärt der Agronom Joseph Felipez, ein auf Bodenmikrobiologie spezialisierter Agrarwissenschaftler, wie er zur gesunden Entwicklung der Jugendlichen beiträgt:

 

«Ich erkläre ihnen, wie man gesunde Lebensmittel produziert. Denn wir sind das, was wir essen! Und wenn wir Pestizide über die Nahrung aufnehmen, dann wird unsere Gesundheit darunter leiden. Ich will den Jugendlichen vor Augen führen, wie die herkömmliche Landwirtschaft den Boden und die Ernte kontaminiert. Sie sollen natürliche, kostengünstige und einfach herzustellende Alternativen zu diesen Chemikalien kennenlernen. Ich versuche ihnen den Wert des Bodens zu vermitteln. Denn alles was dem Boden schadet, wird durch den Dominoeffekt der ganzen Menschheit schaden. Wenn wir den Boden mit natürlichen Düngern pflegen und die Arbeit der Mikroorganismen unterstützen, werden wir gesundes Gemüse und gute Ernten bekommen. Im praktischen Teil des Workshops zeige ich den Jugendlichen, wie man die Mikroorganismen im Boden mit einer einfachen Technik vermehren kann, wie man Kompost macht. Sie sehen, dass organisches Material kein Müll ist, sondern wertvoll. Ich zeige ihnen also natürliche Produktionssysteme, mit denen sie die Pflanzen und den Boden düngen können und erkläre ihnen, wann und wie sie diese einsetzen können. Denn Pestizide sind nicht die Lösung, sondern das Problem.»

Workshop in CAMINO Mujeres.

Fotos von Simona Böckler