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Bolivien - authentisch, vielfältig und bedenklich

Wie ist es, bereits in fortgeschrittenem Alter einen INTERTEAM-Einsatz zu leisten? Wie sieht es mit der Sprache aus? Und was waren die bewegendsten Erlebnisse? Helen und Thomas Ittmann waren für drei Jahre in Bolivien im Einsatz und engagierten sich für Kinder mit Beeinträchtigungen und in der Gewaltprävention.

 

Was für ein Gefühl ist es, nach so langer Zeit wieder einen festen Fuss in seine Heimat zu setzen?

Wir waren zwar zwei Mal in der Schweiz, allerdings beide Male nur für drei bzw. vier Wochen und nur unsere Familien und nächsten Freunde/-innen wussten davon. So waren wir wirklich nur „vorübergehend“ hier und wussten, dass wir wieder „nach Hause“ (nach Bolivien) gehen würden.

Dieses Mal ist es definitiv, wir haben unseren Einsatz für INTERTEAM abgeschlossen. Es ist sehr schön, wieder hier zu sein und unsere „Kinder“, Familien und Freunde in der Nähe zu haben. Wir kennen zwar noch alles, wir wohnen wieder in unserem Haus und dennoch spüren wir deutlich „Wir waren drei Jahre weg!“ Fast täglich treffen wir auf Menschen, die uns fragen: „Seid ihr nun wieder da?“ und antworten dann: „Was, die drei Jahre sind schon vorbei?“ Für uns selber war es nicht immer so.

 

Wir haben Respekt vor der kommenden Zeit und lassen alles ganz gemächlich angehen. Wir arbeiten beide (noch) nicht und erledigen das Notwendige ohne Hast. Wir geniessen es, wieder da zu sein. Wir geniessen es, dass viele, uns wichtige Menschen offensichtlich Freude haben, dass wir wieder da sind. Und wir freuen uns, wenn die Menschen mehr von unserer Zeit in Bolivien erfahren möchten.

 

Hattet Ihr Befürchtungen wegen eurem Alter, einen solchen Einsatz zu wagen?

Befürchtungen hatten wir keine. INTERTEAM hat uns bestens vorbereitet, wir hatten das Gefühl „es“ gemeinsam schaffen zu können, zudem waren wir gesund und auch (neu-)gierig genug, Neues zu erleben und zu erfahren.

Dank der modernen Medien ist es heutzutage wirklich einfach, den Kontakt zu behalten. Wir hatten bspw. via WhatsApp fast häufiger Kontakt zu unserer Tochter und unserem Sohn, als während der Zeit in der Schweiz ;-)!

 

Somit war Heimweh bei euch gar kein Thema?

Doch, das hatten wir ziemlich unterschätzt: Wir glaubten vor unserer Ausreise, kaum Heimweh zu verspüren. Die Realität war anders und wir genossen es unglaublich, wenn wir eine WhatsApp oder eine E-Mail bekamen, freuten uns auf jedes Skypegespräch und über jeden Besuch bei uns in Cochabamba. Und: Unsere beiden Heimaturlaube waren echte Energiespender mit Depotwirkung!

 

Wie lief's mit der spanischen Sprache? War es schwierig für euch, diese Sprache zu erlernen?

Wir geniessen es, im „hohen“ Alter diese für uns sehr wichtige Sprache gelernt zu haben. Heute sprechen wir gut Spanisch. Gut, aber nicht perfekt. Wir werden dafür sorgen, dass wir auch hier weiterhin die Gelegenheit haben, Spanisch zu sprechen. Bspw. mit unserem kubanischen Schwiegersohn!

 

Wir konnten bei unserer Ausreise bereits etwas Spanisch, besuchten aber zu Beginn dennoch eine Sprachschule und lebten in einer bolivianischen Gastfamilie. Dieser Entscheid war für uns extrem wichtig und daraus entstanden wunderbare Freundschaften mit den Lehrpersonen der Sprachschule und der Gastfamilie.

Die Sprachkenntnisse sind DER Schlüssel für einen guten Einstieg. Aus heutiger Sicht wäre es wohl besser gewesen, über noch mehr Vorkenntnisse verfügt zu haben.

 

Gab es ein sehr bewegendes oder eindrückliches Beispiel welches euch vor Augen geführt hat, wie wichtig eure Arbeit vor Ort ist/war?

Für mich (Thomas) war es der Tag der Einweihung des um- und neugebauten Schulhauses der heilpädagogischen Schule PREEFA. Die Freude und Dankbarkeit der Kinder, der Jugendlichen, deren Eltern, der Schuldirektorin und der Lehrpersonen zu spüren, war unglaublich berührend und emotional. Ich musste immer wieder darauf hinweisen, dass es nicht mein alleiniger Verdienst sei. Ohne INTERTEAM und Geldgeber wäre es nicht so weit gekommen. Ich sei lediglich „Mittel zum Zweck“ gewesen, erklärte ich jeweils.

 

Ich (Helen) war sehr froh, dass dank INTERTEAM und Kriens hilft Menschen in Not das Projekt „Prevención violencia sexual comercial“ für zwei Jahre weitergeführt werden konnte. Die Dankbarkeit der Lehrpersonen für die Unterstützung meiner Partnerorganisation IDH und die aktive Mitarbeit der Schüler/-innen waren sehr beeindruckend.

 

Was hat euch im Zusammenhang mit eurer Arbeit und den Zielgruppen vor Ort am meisten nachdenklich gestimmt?

Wir haben viel miteinander über das Thema „Nachhaltigkeit“ geredet. Wir wollten wirklich „etwas Nachhaltiges“ machen und erreichen, hatten aber immer wieder grosse Selbstzweifel. Natürlich wissen wir, dass Einiges in unseren Parnerorganisation bestehen bleiben wird, ob sichtbar oder eher nicht sichtbar.

Was uns aber stets zu denken gab, war die Tatsache, dass seitens des Staates Bolivien viele Gesetze und Erlasse im Zusammenhang mit der Gewaltprävention in Kraft sind, die sich aber grösstenteils mit den strafrechtlichen Konsequenzen befassen. Die Sensibilisierung, Information, Schulung bleiben fast ausschliesslich den lokalen und ausländischen NGOs überlassen. Der Staat unterstützt diese Bemühungen leider viel zu wenig, oft behindert er sogar deren Tätigkeit.

Im Weiteren fehlt es unserer Ansicht nach auch an Koordination und Kooperation der Akteure und an einer langfristigen Planung mit klaren Zielen. Wir hoffen, dass Cluster-Konzept von INTERTEAM kann dies ändern.

 

Was werdet ihr von Bolivien am meisten vermissen?

Bolivien ist reich! Bolivien ist vielfältig! Bolivien ist echt und authentisch!

Die Bolivianer/-innen sind offen! Die Bolivianer/-innen sind liebenswürdig! Die Bolivianer/-innen sind zufrieden!

Die kulturelle Vielfalt, und deren Pflege haben uns immer begeistert und stets von neuem fasziniert.

Wir haben viele gute Freundinnen und Freunde in Bolivien, mit denen wir gerne im Kontakt bleiben werden. Und eines Tages werden wir sie wieder besuchen.

 

Und auf was freut ihr euch nun in der Schweiz am meisten?

Wir freuen uns auf unser soziales Netz: Kinder, Familie, Freunde und Bekannte. Als Erstes haben wir diese Menschen zu einem kleinen Fest eingeladen, um sie zu sehen, zu umarmen, mit ihnen reden zu können und um ihnen zu zeigen, wie wichtig sie für uns sind.

 

Wir waren als Paar während drei Jahren ausser bei der Arbeit immer zusammen und das war gut so. Nun freuen wir uns aber auf Dinge, die wir alleine machen werden: Helen mit ihren Freundinnen und bei der Musik; Thomas mit seinen Freunden und dem Sport.

 

Würdet ihr wieder einen Einsatz mit INTERTEAM machen, wenn ihr könntet?

Ja, jederzeit! Uns überzeugt der Ansatz der PEZA (Personellen Entwicklungszusammenarbeit), die Vorbereitung und Unterstützung während des Einsatzes.

Wir haben individuell, aber auch als Paar viel Neues kennengelernt und konnten unseren Lebenstraum, einmal für eine gewisse Zeit in Lateinamerika zu leben und zu arbeiten, verwirklichen.