Local Healer in Tansania | INTERTEAM

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Fake, Trance oder Wunderheilung?

Warum hat es die Schulmedizin in Tansania nach wie vor so schwer, Fuss zu fassen? Und weshalb sind lokale Heiler bei vielen Erkrankungen oder Unfällen erste Wahl? Ein Gespräch mit Physiotherapeut Edgar Dubach, einer ehemaligen INTERTEAM-Fachperson, gibt Aufschluss.

 

Edgar Dubach bei der Behandlung von O-Beinen des tansanischen Mädchens Benta Vitalis.

 

INTERTEAM: Edgar, du hast drei Jahre in Tansania in einem Spital in Shirati als Physiotherapeut gearbeitet. Was waren die grössten Unterschiede im Vergleich zu deiner Arbeit hier in der Schweiz?

 

E: In Bezug auf meine Arbeit waren die Unterschiede vielfältig: Beispielsweise waren die Grenzen zwischen einem reinen Physiotherapeuten und anderem medizinischem Fachpersonal wie Ärzten viel weniger strikt. So wurde ich häufig mit medizinischen Fragen und Problemen ausserhalb meines Bereichs konfrontiert, bei denen in der Schweiz ein Spezialist oder eine Spezialistin konsultiert würde. Oder aber, dass ich mich als «Schulmediziner» in Tansania gegen die «local healers» (die lokalen, traditionellen, jedoch fachlich im Sinne der modernen Medizin nicht ausgebildeten Heiler oder Medizinmänner) behaupten musste.

 

I: Also standst du in direkter Konkurrenz mit den lokalen Heilern?

 

E: Ja, dies könnte man so sagen. Die lokalen Heiler sind potente Player im tansanischen Gesundheitswesen.

 

I: Kannst du Gründe nennen, warum lokale Heiler in Tansania immer noch einen so hohen Stellenwert haben?

 

E: Dass sich diese traditionelle Medizin bis heute behaupten konnte, ist wohl einerseits der Tradition geschuldet; denn an Altbewährtem hält man gerne fest, besonders in Tansania. Andererseits sind auch Gründe wie der Mangel an Alternativen (der Weg in ein Spital ist weit, der Heiler meist vor Ort) oder vielleicht schlechte Erfahrungen mit der «modernen Medizin» zu nennen, da die Spitalinfrastruktur in diesem Land leider immer noch gravierende Mängel aufweist.

 

I: Könnten auch die Kosten Gründe dafür sein, eher einen lokalen Heiler bei Unfall oder Krankheit aufzusuchen als ins Spital zu gehen?

 

E: Auf jeden Fall. Obwohl ich keine Kenntnisse über die genauen Kosten von Heiler-Besuchen habe, so liegen die Preise wohl unter den Spitalpreisen und lassen sich auch eher mit Naturalien bezahlen.

 

I: Welches waren deine persönlichen Erfahrungen mit solchen Heilern?

 

E: Leider hat sich nicht die Möglichkeit ergeben, einen lokalen Heiler persönlich zu treffen, obwohl ich dies sehr spannend gefunden hätte. Einmal traf ich den Vater eines Kindes mit Beinbruch, den er aber nicht bei uns behandeln lassen wollte. Bei einer Konsultation zeigt mir der Vater ein Video, welches er während einer Behandlung bei einem lokalen Heiler mit seinem Handy gedreht hatte. Der Knabe lag dabei auf einem Sofa während der Heiler ihm seine Beine massierte. Plötzlich stand der Knabe auf und ging umher. Alles gestellt, fragte ich mich? Trance, Fake oder doch Wunderheilung? Ich weiss es nicht.

 

I: Dies klingt schon eher nach Zauberei ;-) Wie stark war die Gegend, in der du gearbeitet hast von der traditionellen Medizin beeinflusst?

 

E: Die Gegend um Musoma am nordwestlichen Seeufer des Lake Victoria gilt als Hochburg der traditionellen Medizin. Dass meine Patienten zusätzlich auch lokale Heiler aufsuchten, war vielfach offensichtlich. So beispielsweise, wenn ich am Rücken von Patienten frische Narben entdeckte. Eine beliebte Behandlung besteht offenbar darin, im Schmerzgebiet die Haut fein anzuritzen, jeweils ca. 23 cm lang im Abstand von etwa 34 cm. Zumeist quer über den Kreuz-/Lendenbereich. In diese Öffnungen werden dann Kräuter oder eine Art Heilerde gerieben ... was letztlich zu Narbenbildung führt und lebenslange Spuren hinterlässt.

 

I: Gibt es Unterschiede zwischen den Patienten, welche die lokalen Heiler deiner Behandlung vorgezogen haben?

 

E: Was mir auffiel: Je älter Patienten oder Patientinnen waren und je entlegener sie wohnten, desto eher fanden sich Spuren lokaler Heiler. Hingegen scheint sich die junge Generation eher der Schulmedizin zuzuwenden. Die grösste Herausforderung für mich und mein Team bestand jeweils darin, die Patienten nicht «zu verlieren». Denn manchmal meldeten sich Patienten nach 1 – 2 Behandlungen nicht mehr bei uns. Wir wussten dann nicht, was aus ihnen wurde. Vermutlich wanderten viele ab zu den lokalen Heilern. Manchmal liessen sie uns pro forma unsere Arbeit tun, um gleich danach einen lokalen Heiler aufzusuchen. Oder Patientinnen mit Beinbrüchen zogen es vor, direkt nach der Diagnosestellung ohne Gips einen lokalen Heiler aufzusuchen.

 

I: Dies klingt ein wenig frustrierend. Wie beurteilst du dies jetzt im Nachhinein?

 

E: Fachlich gesehen müsste ich solche lokalen Heiler und ihre Behandlungspraktiken wohl stark kritisieren. Doch meine Erfahrungen in Tansania lehrten mich, dies zu differenzieren. Denn in Anbetracht der oftmals desolaten Behandlungsmöglichkeiten und Resultate der Schulmedizin in Tansania erstaunt es kaum, dass lokale Heiler immer noch sehr grossen Zulauf geniessen. Solange die Schulmedizin aus Mangel an Fachkräften und Infrastruktur oftmals bloss ein Schulterzucken oder eine inadäquate Behandlung anbietet, wird sich kaum was ändern. Lokale Heiler bleiben in solchen Fällen für die Ärmsten der Bevölkerung oft die einzige Chance auf Hilfe.

 

I: Vielen Dank für deine spannenden Ausführungen.

 

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