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Gewaltprävention in der Schweiz und Bolivien: Ein Vergleich

"wir müssen Opfer zur Anzeige drängen..."

Im Rahmen der internationalen Lindau-Tagung 2017 zur Personellen Entwicklungszusammenarbeit hatte INTERTEAM interessanten Besuch aus Bolivien. Miguel Gonzales Gallegos ist Direktor der Partnerorganisation INFANTE. Die Organisation hat sich auf Opfer- und Tätertherapien spezialisiert und übernimmt wichtige staatliche Aufgaben im Bereich der Gewaltprävention. Im Gespräch erzählt Miguel INTERTEAM von seinem Austausch und seinen Erlebnissen mit Schweizer Opfer- und Gewaltberatungsstellen.

INTERTEAM: Gewalt an Frauen ist leider ein weltweit existierendes Phänomen. In der Schweiz gehen wir davon aus, das mindestens 20 Prozent aller Frauen in ihrem Leben von irgendeiner Form von Gewalt betroffen sind. Wie ist dies in Bolivien?

 

Miguel: In Bolivien ist die Zahl leider höher. Hier spricht man von mindestens 70 Prozent. Somit werden 7 von 10 Frauen in ihrem Leben einmal Opfer von Gewalt.

 

INTERTEAM: Miguel Gonzales, im Kampf gegen Gewalt an Frauen in Bolivien setzt sich deine Organisation INFANTE mit Hilfe von INTERTEAM für Opfer ein mit Beratungen und Therapien. Wie unterscheidet sich eigentlich eine Beratung in Bolivien von jener in der Schweiz?

 

Miguel: In Bolivien erleben Opfer von Gewalt vielfach sehr schlechte Betreuungsverhältnisse durch den Staat. Beispielsweise befinden sich auf einer staatlichen Beratungsstelle manchmal mehrere Opfer in ein und dem selben Raum und werden befragt. Dies ist für traumatisierte Opfer eine sehr schwierige Situation. In der Schweiz ist es besser geregelt: Hier existieren auf Opferberatungsstellen separate Räume; INFANTE versucht das in Bolivien ebenfalls einzuführen.

 

INTERTEAM: Und existieren auch Unterschiede bei den konkreten Therapieformen? In der Schweiz ist bei Therapien mit Opfern wie auch Tätern das Gespräch die übliche Form.

 

Miguel: In Bolivien arbeiten wir viel mit unterschiedlichen Therapieformen. So bspw. mit Körpertherapien, Rollenspielen, Theater oder Therapien in einem Spiegelsaal, in dem sich die Opfer selber betrachten; so lernen sie, sich selber wieder wertzuschätzen und zu akzeptieren. Solche Formen funktionieren in unserem kulturellen Kontext sehr gut, machen jedoch spezielles Know-how notwendig. Deshalb sind wir hier auf die Hilfe der SpezialistInnen von INTERTEAM angewiesen.

 

 

Miguel Gonzales Gallegos leitet seit 2011 die Nichtregierungsorganisation INFANTE, die sich für die ganzheitliche Förderung von Frauen und Kindern vor Ort in Cochabamba (Bolivien) wie auch in der Gestaltung von Sozialpolitik auf regionaler und nationaler Ebene einsetzt. Zuvor war er als Dozent an Universitäten wie auch in verschiedenen Menschenrechtsorganisationen tätig.

 

Als vielseitiger Experte zu Menschen- und Kinderrechtsfragen schrieb er diverse Publikationen zu Themen wie Menschen- und Kinderhandel, Gewalt gegen Kinder, sexuelle Gewalt oder dem Recht auf Familie.

INTERTEAM: Nehmen wir einmal das Beispiel Tätertherapie: Hier werden in der Schweiz rund 50% der Fälle von staatlichen Stellen an Beratungsinstitutionen zugewiesen. Die anderen 50% der Täter kommen freiwillig in eine Therapie, mehrheitlich Einzeltherapien. Wie ist es in Bolivien?

 

Miguel: Die Idee, sich nicht nur Opfern sondern auch Tätern (vorwiegend gewalttätigen Männern) anzunehmen und diese zu therapieren, ist in Bolivien relativ neu. INFANTE leistet hierbei dank INTERTEAM-Fachleuten Pionierarbeit. In der Schweiz hat man in der Tätertherapie schon über 20 Jahre Erfahrung. Grosse Unterschiede liegen im gesetzlichen System und in der Bürokratie: In Bolivien werden Täter vom Staat nur halbherzig zu einer Therapie verpflichtet. Da der Staat selber kaum institutionalisierte Formen von Beratungen und Therapien anbietet, werden Täter bspw. an Organisationen wie INFANTE  weiterverwiesen. Ob ein Gewalttäter jedoch wirklich die Therapie bei uns besucht oder nicht, wird von den Behörden kaum kontrolliert; somit hängt viel vom freiwilligen Willen der Täter ab. Ausserdem ist alles mit einem enormen bürokratischen Aufwand verbunden und wir erhalten vom Staat auch keine finanzielle Unterstützung pro therapierten Täter, nicht wie in der Schweiz. Diesbezüglich besteht viel Aufholbedarf in Bolivien.

 

INTERTEAM: Stichwort Bürokratie: Wie funktioniert dies eigentlich mit den Anzeigen? Erstatten viele Opfer Anzeige bei der Polizei und wie ist hierbei der Ablauf?

 

Miguel: Auch hier gibt es gravierende Unterschiede zwischen unseren Ländern: Während in der Schweiz die Opferberatungsstellen lediglich den Opfern raten Anzeige bei der Polizei zu erstatten, sind Opferberatungsstellen in Bolivien verpflichtet, ihre Klientinnen zu einer Anzeige zu drängen. Damit beginnt aber auch ein grosser bürokratischer Aufwand, welcher für traumatisierte Opfer eine enorme zusätzliche Belastung bedeutet; eine sehr ungünstige Situation. In der Schweiz spüren Gewaltopfer den ganzen bürokratischen Aufwand im Zusammenhang mit einer Anzeige oder Beratung viel weniger. Daher werden Opfer eher motiviert, Anzeige gegen ihre Peiniger zu erstatten.

 

INTERTEAM: Vielen Dank für deine interessanten Vergleiche.

 

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