Bolivien in der Krise | INTERTEAM-Augenzeugin berichtet

NEWSLETTER
Jetzt abonnieren
und profitieren.
  • Infos zu offenen Einsätzen
  • Wissenswertes über Interteam
  • hilfreiche Tipps
  • 3 bis 4 mal jährlich
JETZT ANMELDEN

Frustration und Enttäuschung nach Wahlen in Bolivien

Drei Wochen lang herrschte Generalstreik in den meisten grossen Städten, Strassenblockaden legten den Verkehr lahm. Seit dem Rücktritt von Präsident Morales und der Installierung einer Übergangsregierung hat sich die Lage in den Städten etwas beruhigt. Auch wegen massivem Polizei- und Militäreinsatz. Dafür haben die Strassenblockaden und Proteste auf dem Land zugenommen. Wir fragten Charlotte Sidler, INTERTEAM-Fachperson im Einsatz in Cochabamba, wie sie den Konflikt erlebt und welche Auswirkungen er auf ihre Arbeit hat.

 

 

Frage: Charlotte, kannst du uns beschreiben, wie deine Arbeit in den letzten Wochen generell ausgesehen hat?

 

Sidler: Fast den ganzen letzten Monat konnten wir nur noch im Büro oder von zu Hause aus arbeiten, aufgeschobene Büroarbeiten erledigen, Berichte schreiben, Materialien vorbereiten. Seit dem Wahltag war alles blockiert: Man konnte nur noch mit dem Fahrrad oder zu Fuss zur Arbeit kommen. Selbst mit dem Fahrrad waren gewisse Blockaden schwierig zu durchqueren, mehrmals musste ich es gar über die Sperren heben. Man musste die Sperren allgemein vorsichtig und sehr freundlich passieren, damit sie einen ohne Probleme durchliessen und nicht wütend wurden. So bin ich meist zu Fuss zum Büro, oder habe von zu Hause aus gearbeitet.

 

Frage: Es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen auf der Strasse und sogar zu Toten. Wie gefährlich war die Situation für dich?

 

Sidler: Für mich oder meine Kollegen bestand keine Gefahr. Man wusste in der Regel, wo und wann Protestmärsche geplant und Auseinandersetzungen möglich waren. Wir haben uns dann einfach davon ferngehalten.

 

Frage: Im Internet kursierten konfuse Informationen. Ganze Nachbarschaften gerieten wegen Nachrichten in Aufruhr, dass Schlägertrupps sich ihren Vierteln nähern würden und haben Barrikaden errichtet. Wie kann man mit so etwas umgehen?

 

Sidler: Gerade gegen Ende verbreiteten sich sehr viele Gerüchte vor allem auf Facebook oder via Whatsapp. Wir haben dann möglichst mehrere Quellen gesucht: Fernsehen, Radio, lokale Zeitungen. So konnte man einschätzen, ob die Informationen korrekt waren. Nur der staatliche Fernsehkanal war ziemlich nutzlos, da er mitten im Gefecht schnulzige Fernsehserien oder Clownshows zeigte. Es gab eine Nacht, wo tatsächlich die ganze Stadt in Aufruhr war und man nicht wusste wo, wann und ob Schlägertrupps unterwegs waren. Da haben sogar meine Nachbarn im Quartier, wo es bis dahin keine Auseinandersetzungen gegeben hatte, ihre Blockaden verstärkt, Feuer entfacht mitten auf der Strasse und Nachtwache gehalten. Passiert ist aber nichts. Vielleicht auch weil das Nachbarsquartier schlauer reagiert hat und alle Nachbarn nach Hause geschickt hat mit der Anleitung, die Lichter zu löschen. Ein Schlägertrupp sei dann dort etwas gelangweilt vorbeigezogen. Im Moment hat sich die Lage in der Stadt beruhigt, aber es ist eine angespannte, gespenstische Ruhe. Man fühlt die Unsicherheit, das Misstrauen der Menschen.

 

Frage: Was steckte letztlich hinter dem Konflikt: Ging es nur um Wahlbetrug? Gab es einen Putsch? Oder soll die indigene Bevölkerung wieder zu Personen zweiter Klasse gemacht werden, wie viele von ihnen befürchten?

 

Sidler: Im Verlauf der letzten Wochen sind eine ganze Reihe von aufgeschobenen, ungelösten Konflikten ans Tageslicht gekommen. Es begann mit dem Wahlbetrug, der von der Organisation Amerikanischer Staaten dann auch bestätigt wurde. Die Leute fühlten sich betrogen und forderten, dass ihre Stimme respektiert werde. Danach wurde dieser Vorfall polarisiert als Konflikt zwischen Arm und Reich, Westen und Osten des Landes, Land gegen Stadt. Man kennt tiefe, ungeheilte Wunden aus der Vergangenheit zum Beispiel aus der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung oder der Geringschätzung der Landwirte. Dies wurde ausgenutzt, um den Konflikt am Laufen zu halten, Angst und Wut zu verbreiten und die Leute gegeneinander aufzuhetzen. Ich glaube nicht, dass die indigene Bevölkerung in Bolivien wieder total unterdrückt werden könnte. Dafür ist das Bewusstsein, dass sie dazugehören und wichtig sind für die Gesellschaft, inzwischen zu gross.

 

«Es macht wütend zu sehen,

wie benachteiligte Bevölkerungsgruppen zu Gewalt angestiftet

oder gar gezwungen werden.»

 

 

Frage: Nun scheint in Cochabamba langsam wieder der Alltag in die Stadt zurückzukehren. Du wirst dann hoffentlich deinen Einsatz auch wieder wie geplant weiterführen können. Zum Beispiel in der Jugendstrafanstalt Cometa. Und dort befinden sich derzeit eine ganze Reihe von Jugendlichen, die wegen gewalttätigen Aktionen, wie der Zerstörung der Polizeistation im Süden Cochabambas, in Untersuchungshaft gekommen sind.

 

Sidler: Ja, ich werde wohl den einen oder anderen aus dem aktuellen Konflikt kennenlernen. In Cometa gibt es aber auch viele Wechsel der Insassen und oft kenne ich die Motive für ihre Haft oder Untersuchungshaft nicht. Und wenn, werden sie nicht anders behandelt als die Übrigen, die andere Delikte begangen haben. Es ist vor allem sehr bedauerlich, dass man Jugendliche, die Geld und Unterstützung benötigen, für solchen Vandalismus instrumentalisiert. Viele haben kaum die Grundschule besucht und wurden zu Hause vernachlässigt. Für 100.- Bs. (umgerechnet 13 Franken) lassen sie sich zu diesen Akten anheuern und merken erst, wenn sie im Cometa sind, dass das vielleicht nicht so schlau war.

 

Frage: Im Bolivien-Programm von INTERTEAM geht es vor allem um die Vorbeugung von Gewalt und die Betreuung von Opfern. Du arbeitest bereits seit längerem für ein harmonisches und gutes Zusammenleben. Welche Gedanken kommen dir, wenn du einen solchen Ausbruch extremer Gewalt siehst?

 

Sidler: Es spielen viele verschiedene Emotionen mit. Es macht mich traurig, ich fühle mich enttäuscht oder auch etwas hilflos gegenüber dieser Kraft, die da plötzlich aufbraust. Es macht wütend zu sehen, wie benachteiligte Bevölkerungsgruppen zu Gewalt angestiftet oder gar gezwungen werden. Aber andererseits gab es die Nachbarinnen und Nachbarn, die ihre Quartiere zu schützen versucht haben, und dadurch auch sehr zusammengewachsen sind. Auch wird gegenseitig geholfen, die Krise zu bewältigen. Gruppierungen und Institutionen organisieren sich, um lokale Produzenten z. B. von Milch oder Gemüse zu unterstützen. Die hatten durch die Blockierungen sehr hohe Verluste und man ist bemüht den Verkauf ihrer Produkte zu fördern. Das gibt dann auch Hoffnung.

Es ist schade, dass man so schnell Konflikte schaffen oder wieder aufwecken kann und es zeigt, wie zerbrechlich diese Harmonie, auf die wir hinarbeiten, im Moment noch ist. Am Wahltag selbst war alles friedlich, jeder wollte seinen Teil dazu beitragen und seine Stimme abgeben. Bis die Leute gemerkt haben, dass man sie betrogen hat und ihre Wut, ihr Frust ausser Kontrolle geriet.

 

Frage: Müssen Sie, muss INTERTEAM angesichts dessen die eigene Arbeit überdenken, neue Wege gehen?

 

Sidler: Im Bereich der Gewalt, dem Umgang mit Emotionen, vor allem bei Gefühlen wie Wut und Enttäuschung, gibt es noch sehr viel zu tun. Dass der Stadt-Land-Konflikt oder die Diskriminierung von Indigenen wieder hochgekommen ist, zeigt, dass an Themen wie Integration, Förderung des Selbstvertrauens von Randgruppen oder gegenseitiger Respekt und Toleranz in Zukunft weiterhin gearbeitet werden muss. Andererseits hat es von einigen lokalen Organisationen Impulse gegeben, den Konflikt friedlich zu gestalten. Es wurde zu Gesprächen aufgerufen und dazu, rassistische oder diskriminierende Bemerkungen zu unterlassen. Es gibt gute Ansätze, aber es bleibt noch viel zu tun. INTERTEAM sollte auf jeden Fall weiter im Bereich der Gewaltprävention mit Fachleuten arbeiten.

 

Vielen Dank für deine Auskunft und weiterhin viel Energie bei deiner Gewaltpräventions-Arbeit in Bolivien.

 

Das Interview wurde von Landesprogrammleiter Peter Strack im Auftrag des Seetalber Boten erstellt.

Umweltwissenschaftlerin Charlotte Sidler

 

Die Umweltwissenschaftlerin Charlotte Sidler unterstützt gewaltbereite Jugendliche mittels therapeutisch-produktiver Öko-Gärten, Formen des gewaltfreien Umgangs zu erlernen. Charlotte Sidler bildet hierzu Absolventinnen und Absolventen der Landwirtschaftsschulen sowie pädagogisches Personal von Schulen und Sozialeinrichtungen weiter.

 

Zum Webprofil von Charlotte Sidler >