Einsatz von Thomas ittmann

Beruf

Heilpädagoge

 

Einsatzland

Bolivien

 

Einsatzort

Cochabamba

 

Einsatzdauer

1. März 2015 – 28. Februar 2018

Einsatz

Als ausgebildeter Heilpädagoge, Manager im Non-Profit-Bereich, Berater im Bildungsbereich und langjähriger Schulleiter unterstützt Thomas Ittmann die PREEFA bei der Stärkung der Bildungsstrukturen und der Verbesserung der Unterrichtsmethodik. Dadurch kann die pädagogische Qualität an der Schule erhöht werden. Zudem leistet er für die Departementsleitung von Fe y Alegría Vernetzungsarbeit, bietet Lehrerbildung im Bereich der Gewaltprävention an und unterstützt ein Programm zur Gewaltprävention in Schulen von Fe y Alegría im Departement Cochabamba.

 

Durch den Einsatz von Thomas Ittmann wird insbesondere die (heil-)pädagogische Begleitung der Kinder und Jugendlichen verbessert.

Partnerorganisation "Fe y Alegría"

Fe y Alegría ist eine internationale Bewegung, die sich vor allem in Lateinamerika um die öffentliche Bildung und soziale Förderung und Gleichstellung kümmert. Die Organisation orientiert sich an den Grundwerten Gerechtigkeit, Freiheit, Partizipation, Brüderlichkeit, Respekt vor der Unterschiedlichkeit und Solidarität.

 

In Cochabamba betreibt Fe y Alegría unter dem Titel «PREEFA – Programma de educación especial Fe y Alegría» eine heilpädagogische Schule für Kinder mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen.

 

Weitere Informationen zur Partnerorganisation unter:

www.feyalegria.org


 

Teenagerschwangerschaften in Bolivien: Ein soziales Problem 

Im Zusammenhang mit unserer Arbeit in der Gewaltprävention und der Bildung geht es auch um kulturelle Traditionen, Rollenbilder, (sexuelle) Aufklärung und Gleichstellung. Bolivien gehört zu den sieben Ländern Lateinamerikas und der Karibik mit der höchsten Schwangerschaftsrate von Jugendlichen im Alter von 15 bis 19 Jahren. 

 

Wir hatten die Gelegenheit mit zwei jungen Ärzten, Dr. Jimena Soliz und Dr. Horacio Vega, die kürzlich ihr Medizinstudium abgeschlossen haben, über ihre Erfahrungen und Einschätzungen zu sprechen. Beide absolvierten letztes Jahr im grössten öffentlichen Spital Cochabambas, „Hospital Viedma“, ein mehrwöchiges Praktikum.

Die jungen Ärtze Dr. Jimena Soliz und

Dr. Horacio Vega

Interview mit zwei jungen bolivianischen Ärzten

 

Wie ist gemäss euren Erfahrungen im Spital Viedma die Situation bezüglich Teenagerschwangerschaften in Cochabamba?

 

Horacio: Ich denke, dass die Situation sich täglich verschlimmert. Wir beide haben im Spital Viedma gearbeitet und haben Geburten begleitet. Im Durchschnitt 25 Geburten pro Tag, wovon rund die Hälfte der Patientinnen noch nicht einmal 18 Jahre alt war. Wir sind als Ärzte aufgrund der vielen Arbeit kaum in der Lage neben der eigentlichen ärztlichen Tätigkeit weitere Aufgaben im Sinne von sozialer Arbeit, Prävention und Information zu übernehmen. Anlässlich der ärztlichen Konsultationen erreichen wir nur einen kleinen Teil der Frauen; diese versuchen wir zu motivieren, Verhütungsmassnahmen kennenzulernen und Familienplanung zu betreiben, um zukünftig un­geplante Schwangerschaften zu vermeiden.

 

Jimena: Die Situation ist tatsächlich alarmierend, nicht nur im Spital Viedma, sondern in allen öffentlichen Spitälern. Viele der Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren, die zur Arztkonsultation kommen, benötigen wichtige Informationen über Verhütungsmethoden und Familienplanung. Allerdings ist die Situation wie von Horacio beschrieben so, dass die Zeit dafür extrem limitiert ist. Aber, so oder so, ist es für uns wichtig, diesen Teil unserer Arbeit im Auge zu behalten.

 

Habt ihr Vorstellungen, weshalb die Situation so ist?

 

Jimena: Die Situation ist tatsächlich besorgniserregend, vor allem weil in unserem Land die Bil­dung sehr limitiert ist. Dabei denke ich an die schulische Bildung und an die Erziehung in der Familie. Vielen Eltern fehlt es an Kenntnissen und sie wissen nicht um die Bedeutung einer guten Erziehung.

 

Horacio: Ja, uns fehlt es an guter Bildung. Dazu kommt ein anderer, sehr wichtiger Aspekt, der in den letzten Jahren noch verstärkt wurde: die Migration. Viele Eltern sind auf der Suche nach Arbeit nach Europa emigriert. Diese Tatsache ist aus meiner Sicht ein wichtiger Grund für unerwünschte Schwangerschaften in der Adoleszenz. Den Jugendlichen fehlt die elterliche Kontrolle. Viele leben bei ihren Grosseltern oder im schlimmsten Fall sogar alleine. Dadurch erleben sie eine uneingeschränkte Freiheit, ohne jegliche Kontrolle. Neben der mangelnden Bildung begünstigen also auch diese sozialen Aspekte unerwünschte Teenagerschwangerschaften.

Zu wenig Zeit für Beratungsgespräche mit den PatientInnen

Was könnte gemacht werden, um eine Änderung oder Verbesserung der Situation zu erreichen? Wie könnte zur Verminderung von Teenagerschwangerschaften beigetragen werden?

 

Horacio: Es sind in der Thematik der Prävention viele Aspekte zu berücksichtigen. Erstens wäre es ideal, in die Familiengefüge Einfluss nehmen zu können. D.h. man müsste Hausbesuche machen, um zu erkennen, wie sich eine familiäre Situation darstellt. Zweitens müsste sich die schulische Bildung verbessern. Dabei müsste die Sexualaufklärung zwingend in die Lehrpläne einfliessen. Die Schule könnte in verschiedenen Fächern dieses, nach wie vor auch von Lehrpersonen, tabuisierte Thema behandeln. Der dritte und aus meiner Sicht wohl wichtigste Punkt ist, dass in allen Gesundheitszentren und Spitälern spezielle Abteilungen für schwangere Teenager geschaffen würden, denn hier kommt es zum ersten Kontakt mit einer ärztlichen Fachperson. Hier könnte altersentsprechend und adäquat dieses Thema angesprochen und weitere unerwünschte Schwangerschaften verhindert werden.

Jimena: Zudem könnten spezielle Kampagnen zur Thematik helfen, die Bevölkerung aufzuklären. In unserem Praxisjahr haben wir dies gemacht und sind aus den Gesundheitszentren hin­ausgetreten. Wir sprachen z.B. auf dem Hauptplatz junge Paare gezielt an, haben sie informiert und Broschüren abgegeben. Diese Form der Aufklärung ist sehr effektiv, da uns die Paare direkt fragen konnten und Auskünfte erhielten. Ich bin von der Wirksamkeit dieser Aufklärungskampagnen überzeugt. Das Thema in die Familien zu tragen, ist hier in Bolivien sehr schwierig, da die Gesellschaft bei diesem Thema ziemlich verschlossen ist. Eine Möglichkeit sähe ich darin, den Eltern in den Schulen ihrer Kinder gezielt Angebote zu unterbreiten, um gemeinsam über diesen Themenkreis zu diskutieren. Dabei ginge es vor allem darum, die Eltern der 5. und 6.-Klässler anzusprechen und ihnen Basisinformationen zu vermitteln, damit sie mit ihren pubertierenden Kindern sprechen können. In den Spitälern wird diese Arbeit auch gemacht, allerdings innerhalb der geschilderten limitierten zeitlichen Ressourcen.

Was sagt ihr als junge Ärtze zur Situation?

 

Jimena: Ich glaube, dass die Situation wirklich alarmierend ist. So bin ich zur Überzeugung gekommen, dass Bolivien darum arm ist, weil die Frauen viele Kinder haben. Ich vermute dies nicht nur – ich habe es mit eigenen Augen gesehen, als ich mein Praktikum auf dem Lande machte. Also, was ist zu tun? Prävention betreiben! Die Kinderzahl ist zum Teil tatsächlich hoch. Wir gehören nach wie vor zu den ärmsten Ländern der Welt. Wir müssen etwas tun, um dies zu ändern.

Horacio: Die Situation ist besorgniserregend. Wir trafen auf Kindsmissbrauch durch Väter, Stiefväter, Onkel oder Bekannte der Familie. In solchen Fällen ist es natürlich noch schwieriger, über Familienplanung zu sprechen. Traditionen und Gewohnheiten lassen solche Gespräche jedoch generell kaum zu. Zudem ist es unglaublich schwierig, über altersadäquate Verhütungsmethoden oder über die Kinderzahl zu sprechen. Viele Patientinnen haben Angst, in der Familie über Verhütung zu sprechen, da man ihnen mit Unverständnis und Ablehnung begegnet. In vielen Familien werden keine Verhütungsmittel benützt, weil es schlecht sei. Dabei verfügen diese Menschen kaum über genauere Informationen. Es ist für uns wirklich sehr schwierig und wir hoffen auf politische Richtungsweiser im Gesundheitsbereich, die es uns Ärzten eher ermöglichen, einen Gesinnungswechsel mitbeeinflussen zu können.

Welche Probleme kommen auf eine Familie mit einer Teenagermutter zu?

 

Horacio: Die Probleme sind vielfältig. Wir haben 12- oder 13-jährige Mütter erlebt, die mit ihren Kindern wie mit Puppen oder Spielzeugen umgehen. Sie sind sich ihrer Verantwortung nicht bewusst und so kommt es, dass in vielen Fällen die Eltern der jungen Mutter oder deren Grosseltern, die Erziehungsarbeit leisten und nicht die Mutter. Ein weiteres Problem ist wirtschaftlicher Natur: Die Teenagermutter geht oft nicht mehr zur Schule und hat kein eigenes Einkommen, um für sich und das Kind sorgen zu können. Es kommt aber auch vor, dass ein Vater seine Tochter aus der Familie verstösst, da es ein Delikt ist, in diesem Alter Kinder zu bekommen. So hat eine derart junge Mutter kaum Zukunftsaussichten, ihr fehlt ein Schulabschluss und sie wird kaum irgendwo Arbeit finden. Auch das gesellschaftliche Leben ist sehr schwierig, oft werden solche Frauen sozial ausgeschlossen, diskriminiert oder gar geächtet.

Jimena: Auf dem Land begegnet man dieser Situation häufig, dass ganz junge Mädchen von 12 Jahren schwanger werden, was häufig als „normal“ angeschaut wird. Viele dieser Mädchen gehen nicht zur Schule und verpassen so viele wichtige Informationen. Ihr Leben dreht sich nur um ihr Kind. So sieht es auf dem Lande aus. Auch im periurbanen und urbanen Gebiet ist es so, dass Mädchen, die mit 14 oder 15 Jahren schwanger werden, die Schule abbrechen und sich ausschliesslich um ihr Kind kümmern. Sie denken kaum daran, eine Ausbildung oder ein Studium zu machen. Vielmehr müssen sie irgendeiner Arbeit nachgehen. Die Väter ihrer Kinder verlassen sie, sie sind alleinerziehend und haben oft wenig stabile Partnerschaften. Es ist tatsächlich ein Teufelskreis. Traurig aber wahr: So ist es in unserem Land.

 

Liebe Jimena, lieber Horacio, herzlichen Dank für eure offenen Worte. Wir wünschen euch in eurem Beruf viel Befriedung und für eure Zukunft alles Gute.