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Wie beugt INTERTEAM sexuellen Übergriffen durch Personal vor ?

Nach den aktuellen Vorfällen sexueller Übergriffe in einer grossen englischen Nothilfe- und Entwicklungsorganisation stellen auch wir uns dem Thema: Von unserem Landesprogrammleiter in Bolivien Peter Strack wollten wir wissen, wie INTERTEAM zum Thema sexuelle Übergriffe steht.

Peter, hat es bei INTERTEAM bereits einmal sexuelle Übergriffe von Mitarbeitenden gegeben?

 

Soweit mir bekannt ist, hat es bei INTERTEAM nie einen solchen gravierenden Fall wie bei der grossen englischen Hilfsorganisation gegeben. Die „Me too“ – Debatte weist uns jedoch auf die Bandbreite dessen hin, was  als Übergriff verstanden werden kann. Der nötige Abstand hängt auch sehr von den jeweiligen sozialen und kulturellen Besonderheiten ab. Wer in ein fremdes Land, insbesondere in indigene Gemeinden kommt, kann unter Umständen mit einem nett gemeinten Kuss, der in der Stadt üblich ist, ohne es zu wollen, Grenzen verletzen. Es ist auch schon umgekehrt vorgekommen, dass Fachleute in einer gruppendynamischen Übung ihre Grenzen verletzt sahen. Respektvoller Umgang ist keine Einbahnstrasse.   

 

Hast du selber Erfahrungen mit solchen Vorfällen aus früheren Tätigkeiten?

 

Wie bereits erwähnt, können soziale und kulturelle Besonderheiten eine wichtige Rolle spielen. Beobachten konnte ich dies schon an internationalen Treffen: In Argentinien ist es beispielsweise durchaus üblich, dass Männer sich küssen. In Bolivien ist das ausserhalb von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ein No Go. Aber das sind harmlose Missverständnisse, die sich klären lassen.

 

Und wie sieht es mit Fällen von sexuellen Übergriffen aus? Hat es in Bolivien schon solche Fälle in Organisationen geben?

 

Sexuelle Gewalt, wie sie im Fall der englischen Organisation berichtet werden, wo Geld und Macht eingesetzt wurden, stehen auf einem ganz anderen Blatt. Noch gravierender ist sexuelle Gewalt von Nichtregierungsmitarbeitenden an schutzbedürftigen Kindern. Dies ist absolut nicht tolerierbar. Im vorletzten Jahr hat bei einer bolivianischen Organisation ein solcher Vorfall dazu geführt, dass die meisten ausländischen Geberorganisationen ihre Unterstützung für ein Kinderkulturprojekt eingestellt haben. Und es war nicht der Einzige.

 

Somit verfügte diese Organisation über keine klare Kinderschutzpolitik?

 

Doch, die Organisation verfügte über eine institutionelle Kinderschutzpolitik, war aber aus Angst um den Ruf und das Überleben der Institution nicht bereit, diese in dem konkreten Fall auch anzuwenden. Häufig sind die Täter charismatische Figuren mit Einfluss, die die Mitarbeitenden entsprechend manipulieren. Eine Studie zu dem Fall ergab, dass auch die Netzwerke und die staatlichen Kontrollorgane in diesem Fall nicht funktioniert haben, weil es auch politische Verwicklungen gab.

 

Wo setzt INTERTEAM beispielsweise in Bolivien den Fokus in dieser Thematik?

 

Seit INTERTEAM sich klar auf Kinder und Jugendliche als Hauptzielgruppe fokussiert, ist es noch wichtiger geworden, Schutzmechanismen aufzubauen. Grundlegend hierbei ist eine reguläre Kinderschutzpolitik, aber auch ein Verhaltenskodex für die Achtung der Frauenrechte in Institutionen. Diese sieht klare Verhaltensregeln und Ablaufmechanismen vor, einschliesslich externer Fachberater, beginnend bei der Einstellung von neuem Personal oder auch dem Einsatz von Praktikanten. Wichtig ist, dass die Regeln und die Problematik im Alltag präsent sind. Zunächst in der eigenen Organisation, aber dann auch in den Partnerorganisationen, mit denen wir zusammenarbeiten. INTERTEAM befindet sich in Bolivien in diesem Bereich im Aufbau und der kontinuierlichen Weiterentwicklung.

 

Verstehe ich dich richtig, dass INTERTEAM sich bereits seit längerem dieser wichtigen Thematik annimmt, also nicht erst seit den jüngsten Vorfällen in grossen Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit ?

 

Ja, das ist korrekt. INTERTEAM bereitet seine Mitarbeitenden seit Jahren sehr gut auf die Einsätze vor. Themen wie Gender, Gleichberechtigung oder korrektes Verhalten in fremden Kulturen haben dabei hohe Wichtigkeit. Ein spezifischer Code of Conduct ist integraler Bestandteil der Verträge und wird in der Vorbereitung im Detail besprochen. Unsere Mitarbeitenden sind daher sehr sensibilisiert, wenn sie ihre Einsätze starten. Manche unserer Partnerorganisationen haben bereits vorbildliche Schutzpolitiken, aber nicht alle. Unsere Partner bilden noch eine Herausforderung, da sie eigenständig funktionieren und lediglich punktuell von INTERTEAM unterstützt werden.

 

Und was unternimmt INTERTEAM, Partnerorganisationen resp. deren Mitarbeitenden für diese Thematik zu sensibilisieren?

 

Wir haben die Dokumente der Kinderschutzpolitiken anderer Organisationen verteilt und auf dem jüngsten Fachtreffen mit einer Schulung bei einer Partnerorganisation begonnen, die viel Erfahrung in dem Thema hat. So sehen unsere Fachleute und Partner, wie Schutzmechanismen praktisch funktionieren. Das ist aber erst der Anfang. Auch ist geplant, zusammen mit anderen Organisationen vertieft zu dieser Thematik zu arbeiten.

 

Hat INTERTEAM einen speziellen Notfall-Plan, wenn es zu sexuellen Vergehen von Fachleuten kommen sollte?

 

INTERTEAM hat einen allgemeinen Verhaltenskodex, der auch den Bereich umfasst, der ausserhalb der eigentlich Arbeit liegt, und damit Fälle wie bei Oxfam ausschliessen sollte. Dieser Notfallplan wird von uns permanent weiterentwickelt. Wichtig ist dabei, dass nicht die institutionellen Interessen, sondern das Wohl der Kinder und Frauen im Mittelpunkt steht. Sonst besteht die Gefahr, dass Vorfälle vertuscht und die Täter anderswo weiter beschäftigt werden. Und vor allem besteht die Gefahr, dass statt den Kindern zu helfen, ihr Trauma zu überwinden, sie erneut traumatisiert werden.

 

Im Falle sexueller Gewalt gelten jedoch ohnehin die bolivianischen Gesetze, die zu einer Anzeige bei den zuständigen staatlichen Stellen verpflichten. Unabhängig davon müssen immer die Vorgesetzten informiert werden (wenn diese selbst involviert sind, die nächst höhere Instanz). Wobei zum Schutz der vertrauliche Umgang mit dem Fall gewahrt werden muss. 

 

Was sind in deinen Augen generell die besten Massnahmen, um sexuellen Übergriffen bei Kinder und Jugendlichen vorzubeugen?

 

Ein wichtiges Instrument zur Vorbeugung ist, die Kinder und Jugendlichen zu stärken, damit sie sich ihrer Rechte bewusst sind, und diese aktiv vertreten. Und dazu gehört auch, dass sie die Verhaltensregeln und Abläufe bei Verdachtsfällen kennen. Dass sie wissen, an wen sie sich wenden können. Die Pflicht der Erwachsenen, Kindern ein sicheres Umfeld zu schaffen, kann dies nicht ersetzen. Bereits jetzt wird bei der Einführung neuer Mitarbeitenden auch eine Risikoliste abgearbeitet. Da besprechen wir u.a. Risiken sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen und was im Bedarfsfall zu tun ist. Aber wie gesagt, wir haben das Problem erkannt und haben schon Massnahmen ergriffen, welche weiter ergänzt werden. Ein Vorteil ist, dass wir hierbei auf einen guten Austausch mit Partnerorganisationen oder befreundeten Spezialisten anderer internationalen Nichtregierungsorganisationen zählen können.

Das Interview wurde geführt mit Peter Strack, EZA-Experte und Landesprogrammleiter von INTERTEAM in Bolivien. Der Soziologe, der während seines Studiums Schwerpunkte auf Entwicklungsplanung und Entwicklungspolitik legte, promovierte 1992 an der Universität Bielefeld. Bereits vor dem Engagement für INTERTEAM war Peter Strack während 10 Jahren in Bolivien tätig und leitete das terre des hommes-Koordinationsbüro für die Andenländer mit Sitz in Cochabamba.

 

Mehr Informationen zum INTERTEAM-Landesprogramm "Präventions und Opferbegleitung" in Bolivien >

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