Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen

Was tun mit den Männern ? 

Im Rahmen der internationalen Kampagne "16 Tage gegen Gewalt an Frauen" beschreibt INTERTEAM-Landesprogrammleiter Peter Strack die akute Problematik in Bolivien und wie sich INTERTEAM der Gewalt an Frauen und Kindern erfolgreich entgegenstellt.

92  sogenannte Feminizide gab es bereits in diesem Jahr in Bolivien. Morde an Frauen, weil sie Frauen sind. Gerade einmal zwei Fälle weniger als im Vorjahr bis zu diesem Zeitpunkt. Insgesamt wurden von der Staatsanwaltschaft 28'060 Fälle von Gewalt an Frauen registriert. 91% aller Fälle innerfamiliärer Gewalt. In den restlichen 9% sind die Opfer männlichen Geschlechts.

 

Trotz einer vielversprechenden Gesetzgebung, mit der fast im ganzen Land unter anderem  Sondereinheiten der Polizei sowie städtische Opferberatungsstellen eingerichtet wurden, scheint es kaum voranzugehen bei der Verringerung des Gewaltniveaus.

Die Polizei klagt über mangelnde Ausstattung. In vielen Beratungsstellen, deren Budget angesichts rückläufiger Erdgasexporteinnahmen dieses Jahr gekürzt wurde, wechselt permanent das Personal, was eine gute Betreuung erschwert.

 

„Wir alle sind verantwortlich, nicht nur die Verantwortlichen im Staatsapparat“ und die Indifferenz angesichts der Gewalt sei nicht akzeptabel, appellierte Vizepräsident Alvaro García Linera und schlug vor, ein öffentliches Register im Internet einzuführen. Kein Täter dürfe mehr unerkannt über die Straße gehen, sobald der Staatsanwalt einmal Anklage erhoben habe.  

 

Das Gesetz 348 für ein Leben ohne Gewalt sieht Bestrafung vor, aber auch, an den Ursachen von genderspezifischer Gewalt anzusetzen. Etwa durch Therapieangebote für Täter, die in Cochabamba oder Sucre bereits Erfolge vorweisen können. Über 100 Psychologen wurden dafür von INTERTEAM-Fachleuten in diesem Jahr in Therapiemethoden ausgebildet. Doch angesichts der angespannten Finanzsituation fehlen die Stellen, um den massiven Bedarf abdecken zu können. 

 

Im Studio des Jesuitenradios ACLO in Potosí sitzen Reynaldo, Elisa und Marco Antonio, Jugendliche aus dem Bergarbeitermilieu, das für seine besonders machistische Kultur bekannt ist. Die Jugendlichen sind nervös. Es ist ihre erste Radiosendung, mit der sie ihre Altersgenossen für den gemeinsamen Einsatz gegen Gewalt und für einen respektvollen Umgang zwischen den Geschlechtern motivieren wollen. Mit kleinen Entspannungsübungen, die sie von der INTERTEAM-Fachperson Brigitt Brönnimann gelernt haben, schaffen sie es, sich auf das Manuskript zu konzentrieren. Das haben sie mit Unterstützung von Sandivel Miranda, einer zierlichen, aber energischen Rechtsanwältin der INTERTEAM-Partnerorganisation CEPROMIN vorbereitet. Geschult wurden sie für die Radioarbeit zuvor unter anderem vom Spezialisten Miguel Villafranca, ebenfalls für INTERTEAM in Bolivien im Einsatz. Gespielt wird das Lied „17 años” der Gruppe Angeles Azules, in der es um eine Beziehung zwischen einem Erwachsenen zu einer 17-Jährigen geht. „Ich liebe ihre Unschuld, ich liebe ihre Irrtümer...“. Liebe? Sie alle hätten schon zu dem Lied getanzt, aber hätten sie je über den Text nachgedacht? Der Song verschleiere sexuelle Gewalt, die zudem unter Strafe stehe.

 

In einem anderen Vorhaben, gemeinsam mit der städtischen Beratungsstelle für Gewaltopfer, haben Jugendliche dank der Unterstützung der Genderexpertin Hannah Lina Schütz von INTERTEAM eine Fotogeschichte erarbeitet, mit der sie in die Schulen gehen wollen. Geschichten voller Eifersucht, Untreue und Ziellosigkeit. Sie erzählen auch von der Unfähigkeit miteinander zu reden und wie es zu Gewalt kommen kann. Noch hat der Bürgermeister nicht sein Einverständnis für die Verbreitung gegeben. Doch klar ist: Wenn die Jugendlichen untereinander und in ihrer Sprache über obsolete Geschlechterrollen und ihre Alltagsprobleme reden, kann Gewalt in der Zukunft vorgebeugt werden.

 

Peter Strack

Landesprogrammleiter Bolivien

 

Reynaldo, Elisa und Marco Antonio, drei Jugendliche aus dem Bergarbeitermilieu, produzieren eine Radiosendung gegen Gewalt.

 

 

Hannah Lina Schütz (1.v.r.) mit Arbeitskolleginnen an einem Präventionsstand.


 

Friedensarbeit in Kolumbien

Papst Franziskus besucht INTERTEAM-Projekte in cartagena

Auf seiner Reise durch Kolumbien besuchte Papst Franziskus in Cartagena Werke von Jugendlichen, die in einem INTERTEAM-Projekt der Fachperson Tony Zuber entstanden sind. Die gemalten Werke wurden an einem Jugendfestival während der Friedenswoche in Cartagena präsentiert. Das Festival gibt Kindern Kolumbiens eine Stimme und dient im Rahmen der aktuellen Friedensentwicklung der Sensibilisierung für politische Partizipation.

Seit dem 6. September ist Papst Franziskus in Kolumbien. Er nährt die Hoffnung auf einen dauerhaften und stabilen Frieden in dem seit 50 Jahren vom Bürgerkrieg gebeutelten Land. Doch der Weg dahin ist noch lang. So wird seit 30 Jahren landesweit jährlich eine Friedenswoche durchgeführt. In dieser Woche finden verschiedene Aktivitäten statt, welche die Gesellschaft für einen dauerhaften Frieden sensibilisieren. Zudem wird auf diesem Weg friedlich Druck auf die Regierung ausgeübt, dass diese den Frieden politisch vorantreibt.

 

INTERTEAM-Jugendfestival mit hohem Besuch

In Rahmen dieser Friedenswoche hat die INTERTEAM-Fachperson Tony Zuber 2011 ein Jugendfestival mitinitiiert. Seither leisten an diesem Festival jährlich bis zu 1‘500 Jugendliche aus Cartagena einen kreativen Beitrag zu politischen Themen. In dieser bereits siebten Ausführung des Jugendfestivals haben die Kinder und Jugendlichen aus INTERTEAM-Projekten für den Papstbesuch am 10. September diverse Aktivitäten vorbereitet: Graffitis, Theater, Musik mit Upcycling-Instrumenten und gemalte Bilder zu Themen wie Hoffnung, Gerechtigkeit, Wiederversöhnung, Natur und Armut. Diese werden in Galerien ausgestellt, an Veranstaltungen im Rahmen des Papstbesuches aufgeführt und einer Delegation des Papstes gezeigt. Dadurch erhält die Jugend Kolumbiens eine Stimme im öffentlichem Raum.

 

Ein Buch für den Papst

Das Highlight der Woche wurde von den Kindern und Jugendlichen aus dem INTERTEAM-Projekt mit Spannung erwartet: Ihre gesammelten Werke des Jugendfestivals wurden zu einem Buch gebunden und gestern dem Papst persönlich überreicht.

Dank dem Organisationspsychologen Tony Zuber werden regionale Friedensentwicklungs-programme gestärkt und so einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung des Friedens-abkommens in Kolumbien geleistet.

 

Zum Einsatz der Fachperson Tony Zuber >


 

Prävention und Opferbegleitung für ein Leben ohne Gewalt

"Als ob ich nach Hause zurückkehren würde...“

Was haben eigentlich ökologische Anbaumethoden mit Gewaltprävention zu tun? Dies haben sich auch die peruanischen Gäste gefragt, welche an einem INTERTEAM-Austausch in Cochabamba teilnahmen...und dabei Erstaunliches erfahren. Ein Bericht von Peter Strack, Landesprogrammleiter in Bolivien.

„In der andinen Kultur ist alles paarweise“, erklärt ein junger Mann mit offenem Blick und indigenen Gesichtszügen in der Jugendstrafanstalt „Cometa“ einem Mitgefangenen. Wir befinden uns im bolivianischen Cochabamba bei der Vorbereitung zur Khoa, einem Brandopfer für Mutter Erde. „Du nimmst jeweils zwei Kokablätter für einen Wunsch: Beispielsweise wieder frei zu sein, deine Mutter in den Arm nehmen zu können..."

 

Das Ritual ist Teil eines von den Fachleuten Charlotte Silder und Héloïse Calame sowie dem INTERTEAM-Landesbüro Ende Juli organisierten einwöchigen Austauschprogrammes mit Weisen, Lehrpersonen und Jugendlichen aus dem peruanischen Cusco. Aus Nicaragua war der Landesprogrammleiter von INTERTEAM Wilfried Leupolz und aus der Geschäftsstelle in Luzern Programmassistentin Marlène Schenk anwesend.

 

Besucht wurden u.a. Agroforstparzellen oder eine Dorfschule, in der mit einem Kräuter- und Ökogarten und mit selbst gestalteten Spielen traditionelle Schutzmechanismen vor Gewalt zurückgewonnen werden. Denn INTERTEAM unterstützt Initiativen, in denen gewaltbetroffene Kinder, Jugendliche und Frauen ökologische Produktionsmethoden erlernen, gleichzeitig aber auch soziale Fähigkeiten für ein unabhängigeres und gewaltfreies Leben. Bei unserem Besuch wurde in einem der Frauenhäuser für Gewaltopfer gemeinsam mit den peruanischen Gästen unter Musikbegleitung ein Feldacker bestellt.

 

Am Ende tauschten sich unterschiedliche Institutionen auf einem Seminar zu Methoden darüber aus, wie über den Umgang mit der Natur Traumata überwunden, Gewalt vorgebeugt und Zukunftsperspektiven für Kinder und Jugendliche entwickelt werden können.

 

„Es ist als ob ich nach Hause zurückkehren würde“, flüsterte einer der Jugendlichen im Zentrum Cometa, nachdem die peruanischen Gäste den Jugendlichen Mut zugesprochen hatten. Es wurde musiziert und ein traditionelles Ritual durchgeführt, mit dem das neue Gewächshaus eingeweiht wurde; das Gewächshaus entstand unter der Leitung von Héloïse Calame. Die Jugendlichen selbst, musizierten mit selbst gebauten Panflöten, mit einem Rap-Song über einen toten Freund und einem kraftvollen traditionllen Tinku-Tanz. Tinku heisst auf deutsch „Begegnung“.  

 

Peter Strack
Landesprogrammleiter Bolivien


 

Erlebnisbericht - Kursveranstaltung mit gewalttätigen Männern

Wenn der "Schäferhund" zum zahmen Lamm wird. Welche Gedanken und Gefühle bewegen gewalttätige Männer in Bolivien? Peter Strack, Landesprogrammleiter in Bolivien, hatte die Möglichkeit an einer Therapiesitzung der lokalen INTERTEAM-Fachperson Francisco Sandóval beizuwohnen. Hier sein Erlebnisbericht.

„Was habt ihr gelernt?“, fragt Francisco Sandóval in den Versammlungsraum des Zentrums Juana Azurduy in der bolivianischen Stadt Sucre. „Oder landet alles im nächstbesten Mülleimer?“ Es ist die letzte von acht Sitzungen der INTERTEAM-Fachperson für 12 Männer, die wegen innerfamiliarer Gewalt vom Richter zu dieser Therapie verpflichtet wurden. Vom Parlamentsjuristen bis zum Hilfsarbeiter, der die Übersetzung ins Quechua benötigt, ist in diesem Kurs ein breites soziales Spektrum vertreten.

 

Von der Schwiegermutter provoziert

Als seine Schwiegermutter heute Streit gesucht habe, erzählt Javier, ein  Mann mit lockig-strähnigen Haar und ausgemergelten Gesicht, sei er ruhig geblieben. Nicht aufbrausend wie früher. Sie habe weiter geschimpft, aber er habe sich anschliessend gut gefühlt. Der „Schäferhund“ in ihm komme zwar immer wieder hervor. Als gestern seine älteste Tochter zu spät nach Hause kam, da habe er die Stimme erhoben. Aber gleich innegehalten und ihr erklärt, dass es aus Sorge gewesen sei. Seine Frau habe geschimpft, wie er so nachgiebig sein könne. „Hast Du nicht gemerkt, dass Papa seit Wochen nicht mehr streitet“, habe die Tochter ihrer Mutter entgegnet. Javier ist froh, gelernt zu haben, seinen Zorn im Zaum zu halten. Sein jüngster Sohn habe früher vor ihm Angst gehabt und sei immer auf Distanz geblieben. Heute gehe er nicht mehr ohne einen Kuss auf die Stirn seines Vaters schlafen. Und die Töchter redeten mit ihm selbst über persönliche Probleme.

 

WhatsApp kann helfen

Nicht bei allen hat die Therapie so angeschlagen wie bei Javier, der sich auch um seine Alkoholprobleme gekümmert hat. Jetzt durfte er feststellen, dass neben der Tatsache, wieder Arbeit gefunden zu haben auch eine gewisse Portion an Höflichkeit behilflich sein kann, wenn es auf der Bank darum geht, nochmals einen Zahlungsaufschub für seinen Kredit zu erhalten.

 

Mancher im Raum hat sich damit abfinden müssen, dass sich die Lebensgefährtin von ihnen getrennt hat. Andere hadern noch mit dem Schicksal. Aber eine ganze Reihe nimmt das Angebot einer WhatsApp-Gruppe dankbar an, um sich künftig gegenseitig zu unterstützen. Freiwillig.

 

Als letzte Übung schlüpft der Psychologe Sandóval in die Rolle des Todes: „Morgen werdet ihr sterben. Es sei denn, Ihr könnt mir einen Grund nennen, warum ihr weiter leben wollt.“ Mancher meint, er wolle den angerichteten Schaden wieder gut machen, oder eine positive Spur in der Gesellschaft hinterlassen. Die meisten nennen jedoch ihre Kinder, für deren Wohlbefinden sie verantwortlich seien.

 

Peter Strack

 

INTERTEAM-Fachperson Francicso José Sandóval Camacho in Sucre


 

"wir müssen Opfer zur Anzeige drängen..."

Im Rahmen der internationalen Lindau-Tagung 2017 zur Personellen Entwicklungszusammenarbeit hatte INTERTEAM interessanten Besuch aus Bolivien. Miguel Gonzales Gallegos ist Direktor der Partnerorganisation INFANTE. Die Organisation hat sich auf Opfer- und Tätertherapien spezialisiert und übernimmt wichtige staatliche Aufgaben im Bereich der Gewaltprävention. Im Gespräch erzählt Miguel INTERTEAM von seinem Austausch und seinen Erlebnissen mit Schweizer Opfer- und Gewaltberatungsstellen.

INTERTEAM: Gewalt an Frauen ist leider ein weltweit existierendes Phänomen. In der Schweiz gehen wir davon aus, das mindestens 20 Prozent aller Frauen in ihrem Leben von irgendeiner Form von Gewalt betroffen sind. Wie ist dies in Bolivien?

 

Miguel: In Bolivien ist die Zahl leider höher. Hier spricht man von mindestens 70 Prozent. Somit werden 7 von 10 Frauen in ihrem Leben einmal Opfer von Gewalt.

 

INTERTEAM: Miguel Gonzales, im Kampf gegen Gewalt an Frauen in Bolivien setzt sich deine Organisation INFANTE mit Hilfe von INTERTEAM für Opfer ein mit Beratungen und Therapien. Wie unterscheidet sich eigentlich eine Beratung in Bolivien von jener in der Schweiz?

 

Miguel: In Bolivien erleben Opfer von Gewalt vielfach sehr schlechte Betreuungsverhältnisse durch den Staat. Beispielsweise befinden sich auf einer staatlichen Beratungsstelle manchmal mehrere Opfer in ein und dem selben Raum und werden befragt. Dies ist für traumatisierte Opfer eine sehr schwierige Situation. In der Schweiz ist es besser geregelt: Hier existieren auf Opferberatungsstellen separate Räume; INFANTE versucht das in Bolivien ebenfalls einzuführen.

 

INTERTEAM: Und existieren auch Unterschiede bei den konkreten Therapieformen? In der Schweiz ist bei Therapien mit Opfern wie auch Tätern das Gespräch die übliche Form.

 

Miguel: In Bolivien arbeiten wir viel mit unterschiedlichen Therapieformen. So bspw. mit Körpertherapien, Rollenspielen, Theater oder Therapien in einem Spiegelsaal, in dem sich die Opfer selber betrachten; so lernen sie, sich selber wieder wertzuschätzen und zu akzeptieren. Solche Formen funktionieren in unserem kulturellen Kontext sehr gut, machen jedoch spezielles Know-how notwendig. Deshalb sind wir hier auf die Hilfe der SpezialistInnen von INTERTEAM angewiesen.

 

 

Miguel Gonzales Gallegos leitet seit 2011 die Nichtregierungsorganisation INFANTE, die sich für die ganzheitliche Förderung von Frauen und Kindern vor Ort in Cochabamba (Bolivien) wie auch in der Gestaltung von Sozialpolitik auf regionaler und nationaler Ebene einsetzt. Zuvor war er als Dozent an Universitäten wie auch in verschiedenen Menschenrechtsorganisationen tätig.

 

Als vielseitiger Experte zu Menschen- und Kinderrechtsfragen schrieb er diverse Publikationen zu Themen wie Menschen- und Kinderhandel, Gewalt gegen Kinder, sexuelle Gewalt oder dem Recht auf Familie.

INTERTEAM: Nehmen wir einmal das Beispiel Tätertherapie: Hier werden in der Schweiz rund 50% der Fälle von staatlichen Stellen an Beratungsinstitutionen zugewiesen. Die anderen 50% der Täter kommen freiwillig in eine Therapie, mehrheitlich Einzeltherapien. Wie ist es in Bolivien?

 

Miguel: Die Idee, sich nicht nur Opfern sondern auch Tätern (vorwiegend gewalttätigen Männern) anzunehmen und diese zu therapieren, ist in Bolivien relativ neu. INFANTE leistet hierbei dank INTERTEAM-Fachleuten Pionierarbeit. In der Schweiz hat man in der Tätertherapie schon über 20 Jahre Erfahrung. Grosse Unterschiede liegen im gesetzlichen System und in der Bürokratie: In Bolivien werden Täter vom Staat nur halbherzig zu einer Therapie verpflichtet. Da der Staat selber kaum institutionalisierte Formen von Beratungen und Therapien anbietet, werden Täter bspw. an Organisationen wie INFANTE  weiterverwiesen. Ob ein Gewalttäter jedoch wirklich die Therapie bei uns besucht oder nicht, wird von den Behörden kaum kontrolliert; somit hängt viel vom freiwilligen Willen der Täter ab. Ausserdem ist alles mit einem enormen bürokratischen Aufwand verbunden und wir erhalten vom Staat auch keine finanzielle Unterstützung pro therapierten Täter, nicht wie in der Schweiz. Diesbezüglich besteht viel Aufholbedarf in Bolivien.

 

INTERTEAM: Stichwort Bürokratie: Wie funktioniert dies eigentlich mit den Anzeigen? Erstatten viele Opfer Anzeige bei der Polizei und wie ist hierbei der Ablauf?

 

Miguel: Auch hier gibt es gravierende Unterschiede zwischen unseren Ländern: Während in der Schweiz die Opferberatungsstellen lediglich den Opfern raten Anzeige bei der Polizei zu erstatten, sind Opferberatungsstellen in Bolivien verpflichtet, ihre Klientinnen zu einer Anzeige zu drängen. Damit beginnt aber auch ein grosser bürokratischer Aufwand, welcher für traumatisierte Opfer eine enorme zusätzliche Belastung bedeutet; eine sehr ungünstige Situation. In der Schweiz spüren Gewaltopfer den ganzen bürokratischen Aufwand im Zusammenhang mit einer Anzeige oder Beratung viel weniger. Daher werden Opfer eher motiviert, Anzeige gegen ihre Peiniger zu erstatten.

 

INTERTEAM: Vielen Dank für deine interessanten Vergleiche.