„HAPANA“ zu Gewalt an Frauen

„HAPANA!“ ruft Modesta Isaak laut und deutlich, macht einen Ausfallschritt, hebt die Hände, steht jetzt in Nahkampfstellung und schaut ihrem Gegenüber direkt in die Augen. Diese Szene spielt sich im Trainingsraum der tansanischen NGO Maji Safi Group in Shirati ab. Modestas Gegenüber ist eine Kollegin aus dem Selbstverteidigungskurs, den sie zusammen mit zehn bis fünfzehn Frauen zweimal wöchentlich besuchen.

 

 „Weisst du, dieses NEIN (hapana in der Sprache Kiswahili) ist ganz wichtig. Vor kurzem wurde eine Verkäuferin von Telefongutscheinen mitten am Tag aus ihrem Verkaufsstand verschleppt und ungefähr eine Autofahrstunde entfernt nur in Unterwäsche ausgesetzt. Keiner hat etwas mitbekommen! Unsere Trainerinnen haben uns von Anfang an gesagt, dass wir zuallererst auf uns aufmerksam machen müssen, damit uns jemand zu Hilfe kommt. Sollte ich jemals verschleppt werden, geht das nicht, ohne dass ganz viele Leute das mitkriegen!“, lacht Modesta laut. Sie ist 24 Jahre alt und lebt mit ihren beiden Kindern, einem Jungen von 6 Jahren und einem Mädchen von 3 Jahren, und ihrem Mann zusammen in Shirati. Das Dorf liegt im äussersten Nordwesten Tansanias, 25 km von der kenianischen Grenze entfernt. Bis zur nächsten asphaltierten Strasse fährt man mit dem Auto über eine Stunde, in der Regenzeit ist die Piste oft unpassierbar. Es gibt kein fliessendes Wasser und die Stromversorgung ist sehr unzuverlässig.

 

Zu neuer Stärke und Selbstbewusstsein

„Mir gefällt das Training mit den anderen Frauen sehr. Durch die vielen Liegestütze, Push-ups und Sit-ups bin ich schon viel fitter geworden. Mein Mann findet es gut, dass ich an diesem Programm teilnehme. Das ist nicht selbstverständlich und ich bin sehr froh um seine Unterstützung. Ich bin auch selbstbewusster geworden und möchte nun auch bald eine Arbeit anfangen. Klar höre ich auch negative Feedbacks, dass sich sowas für Frauen nicht gehöre – aber das ist mir egal.“ Die jungen Frauen trainieren unter sich. Beide Trainerinnen sind ebenfalls aus Shirati und sind ausserhalb des Trainings als Community Health Worker (Sozialarbeiterinnen) unterwegs und unterrichten die Bevölkerung in Krankheitsprävention.

 

Selbstverteidigung und die Verteidigung des eigenen Werts

„Wir tansanischen Frauen haben über viele Generationen gelernt, dass wir uns den Männern unterordnen müssen. Dass wir nie die Stimme erheben dürfen. Deshalb reden auch viele Frauen ganz leise – ausser sie sind unter sich oder schreien die Kinder an.“ Sie lacht wieder, sie sprüht vor Lebensfreude. „Aber ich denke, die Gesellschaft beginnt sich zu verändern: Die jungen Frauen studieren, arbeiten und wollen gleichberechtigt mit den Männern zusammenleben und -arbeiten. In den Städten wird dieser Prozess einfach schneller gehen, als in den abgelegenen Dörfern. Aber wenn wir auf uns aufmerksam machen, unseren Wert kennen und verteidigen, dann können wir für die Zukunft unserer Töchter ganz viel erreichen. Sie werden sich nicht mehr unwohl fühlen, wenn sie abends beim Eindunkeln alleine unterwegs sind. Sie werden NEIN sagen, wenn ihre Lehrer sie anfassen wollen. Sie werden sich wehren, wenn Männer ihnen ihren Willen aufzwingen wollen.“

 

Modesta ist eine unter vielen Frauen, die die Zukunft ihres Landes beeinflussen und verändern werden. Dies dank der Maji Safi Group und der INTERTEAM-Fachperson Susan Waltisberg; als Spezialistin in Unternehmensorganisation hilft sie der lokalen NGO sich besser zu organisieren, damit diese wiederum armutsbetroffene Frauen und Familien noch besser unterstützen kann.

 

 Modesta Isaak sprach mit der INTERTEAM-Fachperson Susan Waltisberg.

 

Modesta übt mit viel Begeisterung die neu erlernten Selbstverteidigungstechniken.

Fachperson

Das Interview wurde aufgezeichnet von

 

 

Susann Waltisberg

Kauffrau

Shirati, Tansania