Ein grosses Geschenk für einen nicaraguanischen Kleinbauern

Nicaraguanische Frauen sind stark von den traditionellen Rollen betroffen: Diese verweisen das Land weltweit auf die letzten Plätze in Sachen Gleichstellung und gleichzeitig auf die vordersten bezüglich innerfamiliäre Gewalt. Der Bauer Fernando Pérez war Teilnehmer eines “Männer-Workshops” und erzählt von seinem Erfolg, wie er sein altes traditionelles Frauenbild überwinden konnte.

 

Fernando Pérez ist auf den ersten Blick ein typischer Campesino. Er lebt im schwer erreichbaren Hinterland des nicaraguanischen Nordens. Mit kräftigem Händedruck und ernster Miene werden wir vom 52-Jährigen begrüsst und in seinem bescheidenen, aber blitzblanken und behaglichen Heim willkommen geheissen. Seine Familie steht etwas verlegen im Hintergrund, wird von Fernando aber sofort vorgestellt. Der Stolz und die Freude über das Interesse sind spürbar, und Fernando gibt gerne Einblick in sein bisheriges Leben und die Veränderung, die das „Geschenk“ gebracht hat.

 

Mann hat das Sagen, Frau hat zu gehorchen

Mitten im Gespräch fängt Fernando an zu strahlen: „Ja, diese ‘Männerworkshops‘ waren definitiv ein Geschenk“, erzählt der Kaffeeproduzent. „Als die regional ansässige Organisation ADDAC mit diesem Angebot kam, war ich zuerst skeptisch. Bislang war ich nämlich auch der Meinung, dass der Mann das Sagen im Haus und die Frau einfach zu gehorchen hat. Was logischerweise immer wieder zu Problemen in meiner Ehe geführt hat. Doch dann habe ich es gewagt und habe als einer von drei Männern aus meiner Gemeinde in einer Gruppe mit insgesamt fünfundzwanzig Teilnehmern mitgemacht. Den neuen Umgang mit der Rollendefinition und die Gleichstellung beider Geschlechter finde ich wunderbar“. Auf die Frage, was er besonders positiv fand, meint Fernando ganz lapidar: „Mann und Frau sind gleichwertig, und eine gute Ehe braucht die Qualitäten von Beiden. Das habe ich aber auch erst nach dem ersten Workshop wirklich verstanden. Nun weiss ich alles besser.“

 

Ein Geschenk für die nächste Generation

Wie auf Kommando unterbricht zufällig der Sohn von Fernando das Gespräch. Er will wissen, wo der Sack Kaffee abzuladen sei. Eine kurze Anweisung und Fernando ist wieder beim Gespräch. Wie selbstverständlich meint er: „Auch mein Sohn lebt diese Einstellung. Das ist mir wichtig. Schliesslich soll die nächste Generation anders aufwachsen als ich. Es gibt viel bessere Erziehungsmethoden als einfach dreinschlagen. Und meine Kinder sind der beste Beweis dafür, dass es gelingt. Im Hintergrund schmunzelt seine Frau. Auf die Frage, ob sie stolz auf ihn sei, wird es Fernando fast ein bisschen peinlich. „Ich nehme es an“, meint er, „aber fragen müsst ihr sie selber. Ich bin jedenfalls stolz auf mich, weil ich das Richtige tue. Für meine Familie, für meine Gemeinde und die Zukunft“.

 

„Es braucht Mut zur Veränderung“

Auch für allfällige Negativreaktionen hat Fernando eine Antwort: „Wir alle kennen den Zustand, wie er bisher war. Neues auszuprobieren braucht Mut und Engagement. Nur wer bereit ist, etwas zu ändern, kann letztlich auch davon profitieren.“ Und auf die Schlussfrage nach seiner Vision ist Fernando kaum mehr zu bremsen. „Mein Ziel ist es, als Promotor in den Gemeinden weitere Männer zu schulen. Mir gefällt es, solche Workshops zu geben und damit zu erreichen, dass ich das alles weitergeben kann, was meinem Leben so gut geholfen hat. Ich bin überzeugt, dass meine positive Veränderung auch bei anderen funktionieren und für eine bessere Zukunft sorgen kann“.

 

Fernando Pérez zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn in ihrem gemeinsamen Zuhause.

 

Fernando in seinem Garten.


Das Interview mit Fernando Pérez führten die INTERTEAM-Fachleute Judith Häfliger und Mani Sokoll. Die Sozialwissenschaftlerin Judith Häfliger unterstützt in ihrem Einsatz die nicaraguanische Organisation ADDAC; diese berät Kleinbauern im Anbau und der Vermarktung ihrer Produkte, betreibt aber auch Gewaltprävention. Denn in ärmeren Gebieten Nicaraguas ist innerfamiliäre Gewalt ein schwerwiegendes Problem – und Männerarbeit ein neuartiger Ansatz.

Fachperson

Das Interview wurde geführt von

 

 

Judith Häfliger

Sozialwissenschaftlerin

Matagalpa, Nicaragua

 

→ Hier geht es zum Einsatzprofil von Judith Häfliger