„Vorher wusste ich nicht, was sexuelle Gewalt ist.“

Im ländlichen Bolivien wachsen Kinder mit stark geprägten, klassischen Rollenbildern auf. Doch wie können sich die Kleinsten wehren, wenn gerade sie Gewalt erleiden? Hört ihnen in abgelegenen, armutsbetroffenen Vororten von La Paz jemand zu?

 

Hebt man den Blick in Lauramarca über die Bergkante hinweg, erscheinen am Horizont majestätisch die Anden. Sie sind gut erkennbar, erscheinen mächtig, trotz der Regenwolken, die sich im bolivianischen Frühling über die Stadt La Paz legen. Das imposante Bild wirkt eindrücklich und bedrohlich zugleich; dabei wird einem bange bei der Betrachtung der instabilen Wellblechdächer, welche die Hütten dieses Randviertels bedecken. Das Viertel liegt inmitten von Ziegelfertigungsstätten und einer Müllhalde.


Die Familie von Lidia Mamani

Unterwegs nach Lauramarca ist die Schweizer INTERTEAM-Fachperson und Juristin Laura Crivelli. Über einen kleinen Felsen hinweg ist sie auf unbefestigten Pfaden an zig kläffenden Hunden vorbeigekommen. Die letzten gehören zum Haushalt von Lidia Mamani. Die 32-Jährige lebt hier mit ihrem Lebensgefährten Ramiro Quispe und sechs Kindern. Das älteste ist 18, das jüngst 2 Jahre alt. Und Lidia ist wieder schwanger. Vor sieben Jahren hat sich das Paar das Stück Land gekauft. Damals gab es gerade einmal zwei Häuser hier, heute sind es 50. Die Familie ist fleißig. Die für Grundstück und Hausbau aufgenommen Schulden sind fast abbezahlt. Und sie sind engagiert: in der Nachbarschaftsorganisation.

Kostenlose Hilfe dank Betreuungszentrum

Den Kindern von Lidia und Ramiro bringt Crivelli im nahen Betreuungszentrum „Santa Maria de Alpacoma“ der "Sociedad Católica San José" ihre Rechte nahe. Und: Wie sich die Kleinen vor Gewalt und Missbrauch schützen können. Denn die junge INTERTEAM-Juristin arbeitet in Bolivien für die Nichtregierungsorganisation CDC (Capacitación y Derechos Ciudadanos), eine Organisation, die sich insbesondere für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder einsetzt. Die INTERTEAM-Partnerorganisation CDC pflegt bereits seit 15 Jahren eine enge Beziehung zur „Katholischen Gemeinschaft zum Heiligen Josef“, welche das Zentrum leitet. Dort erhalten die Kinder Hausaufgabenhilfe, werden gesundheitlich untersucht und wenn nötig behandelt. Es gibt Computer, einen Spielsaal für die Kleinen und psychologische Betreuung. Die freiwilligen Helfer des CDC, zumeist Jurastudentinnen, die von Laura Crivelli angeleitet werden, unterstützen die Aktivitäten und geben juristische Beratung: Wenn Frauen oder Kinder Gewalt erleiden, wenn Väter die Alimente schuldig bleiben oder wenn es sonst Streit unter Nachbarn gibt. Häufig aus Eifersucht; und immer sind es die Kinder, die darunter leiden. Dass Väter ihre Familien bei Problemen verlassen, ist in Bolivien keine Seltenheit. In vier Fällen seien aber die Mütter fortgegangen und hätten sich andernorts, zum Teil weit weg in Chile, Arbeit gesucht; sie wurden zu Hause geschlagen, berichtet die Direktorin des Zentrums nachdenklich. Häufig sind es Kinder aus ärmeren Familien, die besonders von Gewalt und Missbrauch betroffen sind. 

 

Rechtsanklagen in Armenvierteln werden kaum behandelt

Eigentlich wäre für solche Fälle das städtische Frauenrechts- oder das Kinderrechtsbüro zuständig. 15 Anzeigen wegen Gewalt gegen Kinder habe das Zentrum dort erstattet. Bei keiner habe es eine Reaktion gegeben. „Zu weit weg“ oder „zu gefährlich“, heisst es, auch weil keine Straße nach Lauramarca führe. „Zeig mich ruhig an“, höre man von Gewalttätern häufig, da diese wüssten, dass ohnehin nichts passiert, berichtet die örtliche Leiterin des Betreuungszentrums. Daher sei die vorbeugende Arbeit umso wichtiger, beispielsweise Gemeinschaftsarbeiten, bei denen sich die Menschen näherkommen und die Lebensbedingungen im Viertel verbessern, oder die monatlichen knapp zweistündigen Schulungen.

 

Spielerisch auf ein heikles Thema hinführen

Was in Schweizer Gemeinden immer noch umstritten ist, wird in La Paz dank Laura Crivelli und CDC bereits erfolgreich praktiziert: In Kinderworkshops werden die Kleinsten spielerisch über das Thema Gewalt in der Familie und seine Ausprägungen informiert. Einer dieser Workshops leitet heute Laura Crivelli zusammen mit einer CDC-Freiwilligen. 25 Kinder sind gekommen. Darunter die 8-jährige Gyorka, die mit sechs weiteren Geschwistern bei ihrem Vater lebt. Sie habe viel geweint, als ihr Vater die Mutter geschlagen habe, erzählt Gyorka freimütig. Warum er das tue, habe sie ihn gefragt, und ihn gebeten, es nie wieder zu tun. Nachdem Workshop kann Gyorka sechs verschiedene Formen von Gewalt unterscheiden. Physische, psychologische und sexuelle Gewalt, sind die, die sie am meisten erlebt hat. Sie hat gelernt, dass man sich mit Respekt und Zuneigung begegnen soll, und Nein sagen muss. Und dass man weggehen soll, wenn Gewalt ins Spiel kommt, und dann eine Vertrauensperson aufsuchen soll. Heute ist Gyorkas wichtigster Vertrauter ihr 14-jähriger Bruder. Und die „Licenciada“, die Leiterin des Gemeindezentrums. Auch dem 9-jährigen Ever Quispe hat der Workshop sehr gefallen. Vorher habe er nicht gewusst, was sexuelle Gewalt ist.

 

Puppen klären auf und erfahren Schmerzliches

Am meisten gefällt den Kindern, wenn ihnen das schwierige Thema mit Ball-, Rollenspielen und Puppentheater nahegebracht wird. In Gesprächen zeige sich, dass viele schmerzliche Erfahrungen gemacht haben, meint Laura Crivelli. Auch wenn sie beim CDC mehr als genug zu tun hat, will sie auf Außeneinsätze wie in Lauramarca nicht verzichten. Sie helfen nicht nur neuen Fällen von Gewalt vorzubeugen, sondern auch die Lebenssituation der Menschen zu verstehen, die bei ihr im Rechtshilfezentrum im Talkessel von La Paz Beistand suchen. Und ganz nebenbei erhält sie in Lauramarca ein Panorama, das sie an in ihrem fensterlosen Büro vergeblich sucht.

 

Das bescheidene Zuhause von Lidia Mamani und Ramiro Quispe und ihren sechs Kindern.

Laura Crivelli im Gespräch mit der Familie Mamani-Quispe.

 

Eine zentrale Methode, um mit den Kindern über verschiedene Gewalt- und Missbrauchsformen zu sprechen, ist das Puppenspiel.

 

Die Puppen klären über wichtige Themen auf und sensibilisieren die Kinder dafür.

 

Laura Crivelli im Einzelgespräch mit Gyorka.

 

Für Ever war der Workshop sehr lehrreich.


 

Fachperson

Das Portrait über den Kinderworkshop wurde erstellt von

 

 

Laura Crivelli

Juristin

La Paz, Bolivien

 

→  Hier geht es zum Einsatzprofil von Laura Crivelli